Die Kurrende der ESG gab unter der Leitung von Benedikt Brändle in der Tübinger Stiftskirche „Ein deutsches Requiem“ von Johannes Brahms
TÜBINGEN. Ein großer Tag für die Kurrende Tübingen: die Aufführung von „Ein deutsches Requiem“ von Johannes Brahms gemeinsam mit dem Ensemble Hiemis Aetatis und Solisten am Sonntagabend in der Stiftskirche. Die Leitung hatte Benedikt Brändle.
Schon seit 1985 widmet sich der gemischte Chor der evangelischen Studierendengemeinde, die „Kurrende“, großen Meisterwerken; seit damals ohne Unterbrechung geleitet von Benedikt Brändle. Die Chorbesetzung selbst ändert sich natürlich von Jahr zu Jahr aufgrund der Fluktuation der Studierenden. Derzeit findet die „Kurrende“ sichtbar großen Zuspruch, alle Beteiligten sind offenbar begeistert dabei, und die Stiftskirche fasste am Sonntagnachmittag kaum die 100 Chorist/innen, das verstärkte Orchester „Hiemis Aetatis“ und das zahlreich bis in die hintersten Emporenreihen strömende Publikum, das aufgrund organisatorischer Probleme noch nach Konzertbeginn die zugewiesenen Plätze suchte.
Nunmehr stand „Ein deutsches Requiem“ von Johannes Brahms auf dem Programm. Dieses spätromantische Meisterwerk, das Brahms ganz bewusst nicht „Deutsches Requiem“ genannt hat, wird sonst normalerweise im November aufgeführt und ist eher unüblich für die Passionszeit. Es handelt sich um eine Seelenmesse eigener Art auf Bibeltexte, die der Komponist selbst zusammengestellt hat; sie nehmen nicht Gericht und Fegefeuer, sondern den Trost der Trauernden in den Blick, auch von Christus ist – wie schon zu Brahms‘ Zeiten kritisiert wurde – im Text nicht die Rede.
Die Herausforderung besteht darin, achtzig Minuten lang mitzureißen und zu ergreifen angesichts langsamer Tempi, gedämpfter Dynamik und sanfter Worte wie „Selig sind, die da Leid tragen“. Der Kurrende und Benedikt Brändle ist das mit einer gründlich erarbeiteten, lebendig beseelten Aufführung gelungen, gestützt durch das verstärkte, in großer spätromantischer Besetzung konzentriert aufspielende Orchester, dessen Kern als „Hiemis Aetatis“ die Kurrende traditionell im Wintersemester begleitet.
Mit Brahms stellten Chor und Orchester ihre ganze Musikalität, vielstimmige Kraft und chorsinfonische Klangfülle dem Tod und der Vergänglichkeit entgegen, in klaren Gesten inspiriert und geleitet von Benedikt Brändle. Als kleiner Makel waren die Dominanz und minimale Intonationsschwächen der Sopranstimmen zu verzeichnen, doch ansonsten überzeugte das Miteinander der Singenden und Musizierenden durch waches Zusammenspiel, klare Konturen und dunkel leuchtende Farben. Auf langem Atem trugen sie Brahms‘ weit ausschwingende Phrasen und mit viel Einfühlung die Emotionen Trauer und Sehnsucht, die das Werk bestimmen; in ruhig schreitendem Zeitmaß vollzogen sie die Verbindung aus Trauermarsch und Totentanz.
Auch die beiden Solisten erfüllten stimmschön die Anforderungen: Bariton David Pichlmaier https://www.david-pichlmaier.de/ mit klarem Timbre und prägnanter Aussage in „Herr, lehre doch mich“ und „Siehe, ich sage euch ein Geheimnis“, die junge Sopranistin Johanna Beier https://johannabeier.com/ mit lupenreiner, tröstlicher Leichtigkeit in „Ihr habt nun Traurigkeit“, kammermusikalisch begleitet von der hier vorgesehenen kleineren Besetzung.
Für besondere Momente sorgten die Bläser mit makellosen Solopassagen; für die (bei Brahms seltenen) dramatischen Höhepunkte die deutlich herausgearbeiteten Kontraste im vorletzten Teil: „Der Tod ist verschlungen in den Sieg“ wurde wuchtig triumphierend herausgeschleudert, gefolgt von lebhafter Bewegung, während sich Trauer in Hoffnung, ja Siegesgewissheit verwandelte. Die fugierte Passage danach ging fast unter im dichten Gesamtklang, doch dafür entschädigte die wunderbare Vision der Gegenwelt im Finalsatz („Selig sind die Toten“) als sanft schwingender Ausklang. Brahms hat zwar Christi Passion und Auferstehung im Text nicht wörtlich erwähnt, doch als theologischen Hintergrund als göttliches Geheimnis und Verwandlung des Menschen angedeutet. Sie entzündet zum Ende hin ein Licht der Hoffnung, das die Ausführenden in hellen Farben zum Leuchten brachten.
Großer Jubel und anhaltender Beifall dankten für eine beeindruckende, gelungene Aufführung.
Titelfoto: Kurrende der ESG Tübingen
