Beim Kunstverein in den Reutlinger Wandel-Hallen ist noch bis zum 12. April die spannende Doppelaussstellung „Verborgene Räume“ mit Werken von Elisabeth Wagner und Philipp Kummer zu sehen
REUTLINGEN. Zwei völlig verschiedene Kunstsprachen, noch dazu jede für sich von fast babylonisch verwirrender Vielfalt. Mit der Doppelausstellung „Verborgene Räume“ von malerischen, plastischen und installativen Werken der Künstler Elisabeth Wagner und Philipp Kummer ist Kuratorin Julia Berghoff für den Kunstverein Reutlingen schon ein Risiko eingegangen. Aber es hat sich gelohnt. Noch bis zum 12. April ist in den Wandel-Hallen eine ungemein spannende und bildstarke Ausstellung zu sehen, die hier nicht unbesprochen bleiben soll. Dass sie die Besucher auch provozieren, verwirren, ja verstören soll, ist fraglos beabsichtigt.
Mit dem ersten Blick fängst es an. Er fällt auf Elisabeth Wagners Arbeit „Lobster“, eine großflächige Bodeninstallation in knalligem Hummer-Rot. Ganz offenbar ist sie figürlich, keine abstrakte Konzeptkunst. Für ein zerlegtes Krustentier sind die Teile eigentlich zu groß. Metalltrümmer eines Unglücks? Mahnmale? Schon der Eindruck von schwerem Material führt in die Irre. Leichtgewichtige Pappe gehört zu den bevorzugten Werkstoffen der Künstlerin. Sie hat aber auch Bleirollen verwendet.
An der Wand zwei schwarzweiße Porträtfotos. Nebenan sind filigrane Kuben aus feinstem Metalldraht-Gitter zu sehen, dahinter zwei gespenstisch düstere Mäntel auf bemaltem Papier. Oder um die Ecke die beiden schweren Keramik-Köpfe zweier historischer Königspersönlichkeiten – sie groß und mächtig, er zierlich und klein (gefertigt nach Bildnissen von Velázquez und Goya).
Philipp Kummers Gemälde sind ungewöhnlich, vielschichtig, gegensätzlich – schon vom Format her. Julia Berghoff hat sie bewusst abwechslungsreich gehängt: Miniaturen zwischen ausladenden Großformaten. Er mischt Öl und Acryl, malt flächig oder mit einem kraftvollen gestischen, zuweilen sogar brutalen Hieben von Pinsel oder Quast. Von Ferne könnte man Manches für abstrakten Expressionismus halten, dabei allerdings eine ungewöhnlich durchdachte Farbgebung bewundern, nicht selten auf Kontrastfarben basierend und sorgsam komponiert.
Bei näherem Hinsehen zeigt sich: Da ist kaum etwas abstrakt oder gar dekorativ. Die Bilder wimmeln von Figuren, von Zwergen und heldischen Riesen, von Würmern und Vierbeinern, Fluggetier und Schlangen, Schwimmendem und Schwebendem – völlig frei fantasiert allerdings, fast absurd verfremdet und in verdrehte Bewegungen versetzt, ohne jede Entsprechung in irgendeiner Wirklichkeit. Es könnte sogar ängstigen, erschrecken wie die Darstellung eines Horrormärchens, eines Abenteuers oder eines vielgestaltigen szenischen Panoramas. Zuweilen fühlt man sich an Hieronymus Bosch erinnert.
Eine weitere Besonderheit zeichnet den eigenwilligen Gestaltungsstil des Malers Philipp Kummer aus: Eine Raumtiefe, die sich aus Form und Farbe gleichermaßen speist, aus Linie und Fläche. Das dürfte neben den Installationen einer der Gründe für den Titel der Ausstellung sein, den die Künstler und ihre Kuratorin gewählt haben: „Verborgene Räume“.
Eine sehenswerte Ausstellung, die jegliche Fantasie anzuregen vermag, Träume und Alpträume.
dystopische Installation „no before:there you are“ von Kummer &
Bittersohl. Foto: Kunstverein
