„Stellplatz des Dringlichen“: Im Galerie-Untergeschoss der Reutlinger Wandel-Hallen zeigt Bettina van Haaren ihre zeichnerische Malerei
REUTLINGEN. Ihre wachen Augen müssen das in jungen Jahren noch gesehen haben: Bis in die Achtziger hinein galten in Malerei und Plastik das Figürliche, das Dingliche, die sichtbare Welt geradezu als Tabus. Allenfalls als zeichnerische Skizze war es erlaubt zu zeigen, was man sah. Bettina van Haaren hat das weit hinter sich gelassen, nein: ins Gegenteil verkehrt und mit radikaler Subjektivität nicht nur zur absoluten Gegenständlichkeit überhöht, sondern auch noch mit ungebändigter Fantasie und direkter Symbolik aufgeladen. „Stellplatz des Dringlichen“ heißt ihre Ausstellung, die das Kunstmuseum Reutlingen am heutigen Donnerstagabend um 19 Uhr unter den weißen Bögen im Untergeschoss der Wandel-Hallen eröffnet.
Aber trotz ihrer überwiegend schwarz-weiß wirkenden Großformate: Bettina van Haaren zeichnet nicht (oder allenfalls als Vorarbeit), sie malt. Ihre Feder ist der Pinsel. Und ihre Tinte sind Temperafarben in Schwarz bis Grau, jene ganz eigenen Mischungen aus wässrigen und fettig-öligen Flüssigkeiten, deren Farbpigmente durch Ei oder Kasein als Emulgator zusammengehalten werden. Sie seien „offen im Prozess“, sagt sie. In ihren wenigen farbigen Bildern, allesamt vor dem Corona-Bruch des Jahres 2020 entstanden, verwendet sie auch mal Aquarellfarben oder schnell trocknendes Acryl, hin und wieder sogar Öl, das ihr aber inzwischen „zu viel Gewicht“ mitbringt.
Der wichtigste Bezugspunkt dieser radikalen Figürlichkeit ist ihr Selbst, das Ich: als Porträt von Gesicht und Körper, in allen Details und Perspektiven – und als Zentrum aller Perspektive. Dieser Blick schweift dann weit und in völlig freier Assoziation: beispielsweise zur biblischen Maria Magdalena, der Tilman Riemenschneiders nur von ihrem Haar bedeckt im Münnerstädter Retabel nackte Gestalt gab; zum Gekreuzigten von Grünewalds Isenheimer Altar, in dessen Fuß sie das Grün des toten Fleischs wahrnimmt; zu einer weit geöffneten Vagina oder dem Penis, in dem eine Wurst endet. Granatapfelkerne werden der Frucht entnommen und wie Wundmale in die Handfläche gegenüber gelegt.
Das gejagte Wild, den toten Hund, den hilflosen Säugling und seinen Schrei, den umgestürzten Tisch, aber auch das Hakenkreuz an der Armbinde ruft sie auf und fügt alles ein in die überbordenden Erzählungen ihrer Bilder von sich und von der Welt. Manchmal sind es Schreckensbilder. Pistolen und Gewehre zielen wie bei Goya auf wehrlose oder sterbenswillige Menschen. Manches Tier hingegen zeigt geradezu naiv abgebildete Schönheit, weckt zärtliches Betrachten oder den Beschützerinstinkt wie ein nacktes Kind.
Wäre da nicht sorgsam gesetzter Leerraum („non filling“) zwischen diesen Gestalten und Geschichten, man könnte diese Tableaus von verfremdeten und oft zentrifugal in eine dynamische Krümmung zugespitzen Figuren mit Wimmelbildern vergleichen. Oder mit Karikaturen. Oder mit fenziselierten Grafitti. Für Bettina van Haaren ist das ihre Art von Komposition, und zwar im offenen Widerspruch zu dem, was traditionelle Kunst in ihren Perspektiven, Dreiecken, Pyramiden, Proportionen oder Fluchtpunkten spätestens seit der Renaissance so nennt. „Ich fokussiere das inselhaft Wichtige“, sagt sie. Fragmentiertes fügt sich.
Foto: Martin Bernklau
Es ist ihre Befragung der Welt. Es sind Bildromane mit verschiedensten Personen und Begebenheiten, Geschehnissen und Schauplätzen. Es ist eine Selbstentblößung, die sich auch vor dem Hässlichen nicht fürchtet, die auch dem Schmerz Gestalt und ihren Raum gibt.
Den Gemälden haben Bettina van Haaren und Kurator Johannes Krause-Schenk eine Reihe von Vorstufen, einige Druckgrafik und ein paar Video-Arbeiten beigefügt, die das Schaffen der Künstlerin erlebbar machen und den Prozess ihrer Kunst als Weg und Bewegung zeigen. Bettina van Haaren, Jahrgang 1961, hat bei Bernd Schwering in Mainz studiert und ist heute Professorin für Zeichnung und Druckgrafik an der Technischen Universität Dortmund. Ihr Werk wurde in rund hundert Einzelausstellungen gezeigt und mit vielen Preisen und Stipendien ausgezeichnet. Mit Wolfgang Folmer, in Reutlingen bestens bekannt („an sich“) hat sie viel zusammengearbeitet, „als Duo“.
Presserundgang am Donnerstagmittag. Foto: Martin Bernklau
Auch Folmer wird zur Eröffnung zugegen sein. Es begrüßt Kulturamtsleiterin Anke Bächtiger. Kurator Johannes Krause-Schenk gibt Erläuterungen. Musik machen Fabiann Blessing und Niklas Geier vom Akademischen Orchester Tübingen.
Info: Die Ausstellung „Stellplatz des Dringlichen“ mit Werken Bettina van Haarens ist bis zum 20. September 2026 in der Galerie der Reutlinger Wandel-Hallen, Eberhardstraße 14, zu sehen. Geöffnet ist Di – So, 11-17 Uhr, donnerstags bis 20 Uhr.
(später weitere Fotos der Werke)
