Website-Icon Cul Tu Re

Kunsthalle – Tanzende Bilder

In der Tübinger Kunsthalle eröffnet am morgigen Freitag die Ausstellung „Dancing With Reality“ mit Werken des New Yorker Pop-Art-Klassikers Alex Katz

TÜBINGEN. Er konnte nicht kommen aus New York. Alex Katz ist 98 Jahre alt. Aber er hat mitgewirkt und viele neuere Arbeiten direkt aus seinem Atelier zur Verfügung gestellt. Vielleicht ist er der letzte lebende Vertreter der Pop Art, die seit den Sechzigerjahren weltweit Furore machte mit Namen wie Claes Oldenburg, Andy Warhol oder Roy Lichtenstein. Reduziert, vielfältig, facettenreich, aber in Malerei und Plastik gegenständlich – als Kontrapunkt zu einem übermächtigen Abstrakten Expressionismus. Und natürlich ist Alex Katz mehr als nur Vertreter dieser Richtung. Über lange Jahrzehnte hinweg hat er einen eigenen Stil entwickelt, seine Handschrift, die wiedererkennbar ist. Ein paar Essentials der Pop Art (wie kapitalistischer Konsum, das Plakative oder der Comic) blieben.

Es gehört zum Rahmen der Ausstellung, dass die Tübinger Kunsthalle über das erste Werk verfügt, das der Pop Art zugerechnet wird, sie sogar begründet hat: David Hamiltons 1956 geschaffene Collage „Just What Is It That Makes Today’s Homes So Different, So Appealing?“ Das ist in seiner Erscheinung weit weg von dem, was sich jetzt in den Räumen der Kunsthalle auf der Wanne den Blicken der Besucher bietet. Die thematisch und chronologisch so sinnfällige Retrospektive zeigt die Werke von Alex Katz in einem geradezu traumhaft leichten Rhythmus, der genau diesen Namen verdient: „Dancing With Reality“. Da ist Direktorin Nicole Fritz und ihrem Team etwas ganz Großartiges gelungen. Neben Porträts aus Musik, Tanz, Schauspiel und Mode war auch die Natur, waren die Elemente Thema dieses Schaffens.

Den Hauptraum dominieren farbstarke Großformate, die am ehesten repräsentieren, wofür er seit den Sechzigerjahren zu Weltruhm kam: Frauenbildnisse, Momentaufnahmen in alltäglichen Szenen, Porträts wie das „Purple Split 12“ von 2023, in denen er das comic-haft reduzierte Gesicht tripelt. Es gibt auch Figuren, in denen nicht die Frau selbst im Mittelpunkt steht, sondern deren Kleidung, ihre Hüte, ihr Outfit. Hin und wieder rückt er sie ganz aus dem Zentrum und lässt einen Leerraum, der sich gewissermaßen einer Bewegung öffnet, einem Tanz, einem Film-Shot – dem Moment, wie bei „Claire McCardell 7“ (2022), einer New Yorker Mode-Designerin, mit der er bis zu ihrem Tod im Jahr 1958 viel und eng zusammengearbeitet hatte.

Wie solch ein Flow sich entwickelt, lässt sich im mittleren Raum verfolgen, wo „Cartoons“ aus Packpapier seine Arbeitsweise zeigen. Kleine Skizzen werden zu Vorlagen im späteren Originalformat, deren Schnitte, Risse oder Stiche eine Vorzeichnung aus Kohle auf die Leinwand legen. Der unterste Saal ist der Biografie von Alex Katz gewidmet. Es zeigt neben einem experimentellen Film „Square Times“ (1968) aber auch ein prägendes Frühwerk von 1959, das den Tänzer und Choreografen Paul Taylor abbildet, für den er Bühnenbilder und Kostüme entwarf.

Dass Katz die klassische Kunstgeschichte genau wahrnahm und studierte, zeigen seine Blumenarbeiten, darunter eine „Homage to Monet 1“, in der Katz die stilisierten Seerosen aus dem Zentrum rückt und Platz gibt für eine Darstellung des Wasser, die in einem dunkel leuchtenden Tiefblau und einem – „etwas unheimlichen“, so Nicole Fritz – Blauschwarz den scheinbaren Widerspruch von Fläche und Tiefe vereint. Auch mit dem düsteren „Ocean 12“ (2022), einem quadratischen Großformat von über drei Metern Seitenlänge, sucht er in fast bis auf Schwarz und Weiß reduzierten Farben, dem Wasser als festgehaltene Bewegung des Moments Gestalt zu geben.

Auch die Nacht hält er fest, im letzten Abglanz der untergegangenen Sonne auf den Fenstern der Häuser New Yorks: „Day’s End 1“, ein großes Hochformat aus dem Jahr 1998, wie praktisch alle Gemälde in Öl auf Leinwand ausgeführt und – an den Zahlen ersichtlich – Teile ganzer Serien. Den Motiven der Bäume und der Blumen ist der oberste Saal gewidmet. Das sind mystisch schlichte Studien wie „Tree 12“ (2020) über den Kreis der Jahreszeiten hinweg oder flächige Momentaufnahmen, die von der Kuratorin in unglaublich leuchtender er Farbkraft, teils aus natürlichem Oberlicht, präsentiert sind: „Grass 3“ oder „Spring 16“, ein Landschaftsbild mit dem Titel „Yellow Leaves 5“. Alex Katz pflegt bis heute in die Natur zu gehen, allerdings nicht mit der Staffelei der „Plein air“-Malerei, sondern mit dem Skizzenblock, auf dem er diese Momente festhält.

„Cool Painting“ nannte man zu Zeiten der Pop Art die spezifische Malweise von Alex Katz. Nicole Fritz hat ihre eigene Bezeichnung für seinen inzwischen 70 Schaffensjahre überspannenden Personalstil gefunden, der sich unablässig wandelt und doch bei sich bleibt: „Malerei des Augenblicks“ im Reduzieren, Verdichten, Überhöhen – ob auf der Party, in der Werbung oder in der Natur.. Einen „transzendentalen Realisten“ nennt sie Alex Katz.

Info: Die Ausstellung „Alex Katz: Dancing With Reality“ wird am morgigen Freitag um 19 Uhr in der Tübinger Kunsthalle, Philosophenweg 76, eröffnet. Bis zum 13. September 2026 ist sie dienstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr, donnerstags bis 19 Uhr und auch an allen Feiertagen zu sehen.

Die großformatig farbstarken Natur-Abbilder im oberen Saal. Fotos: Martin Bernklau
Die mobile Version verlassen