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Kunsthalle – Nazi Beuys?

Bewohnte Mythen“: Die Tübinger Kunsthalle zeigt eine Art Retrospektive auf Joseph Beuys, der nicht nur ein epochemachender Aktionskünstler war

TÜBINGEN. Joseph Beuys gehört zu den wenigen Künstlern, die Kunstgeschichte schrieben, obwohl sie keine besonders guten Künstler waren. Der amerikanische Antipode Andy Warhol war auch einer von ihnen *1). In der Musik, parallel, ein John Cage. Man kennt seine „Fettecken“ und Hasenfelle, verbindet die Frage „…oder kann das weg?“ mit den Installationen von Beuys. Man hat von seinem „erweiterten Kunstbegriff“ gehört, oder dass „jeder ein Künstler“ sei (bei Warhol: „Weltstar für fünf Minuten“). Die Wirkmacht von Joseph Beuys (1921 bis 1986) geht weit über seine Arbeiten hinaus.

Direktorin Nicole Fritz hat diese Ausstellung nicht nur zusammengestellt, weil Beuys eng mit der Tübinger Kunsthalle verbunden ist. Die Stifter-Familie Zundel (Bosch) hatte Vorgänger Götz Adriani über ein paar Einzel-Expositionen hinaus auch mit dem Ankauf von Beuys-Werken beauftragt. Es gibt da also einen Fundus. Das erlaubt – mit den reichen Leihgaben vom Museum Schloss Moyland – einen chronologischen Blick auf sein Werk von ersten Zeichnungen und Bildhauer-Arbeiten bis in die Zeit, als der Künstler zum politischen Aktivisten wurde, aber auch zur zeitgeschichtlichen und kunsthistorischen Gestalt. Zum Mythos.

Auch der Schlitten ist ein Objekt von hoher archaischer Suggestionskraft – hier im oberen Saal der Kunsthalle, wo sich viel Dokumentarisches zum politischen Aktionskünstler Joseph Beuys findet. Foto: Martin Bernklau

Und genau da liegt ein Problem, das jenseits dieser durchaus populären Figur mit der Kunst, dem Kunstbegriff und dem Kunstdenken des Joseph Beuys, seiner „Kunstreligion“ verbunden ist. Nicole Fritz zeigt es aber, gerade mit dem Begriff „vormodern“ in einem ganz milden, vielleicht weichzeichnenden Licht: Seine Hinwendung zum Mythischen, zur Natur, zum Archaischen (auch zum Anthroposophischen) und seinen Symbolen ist folgerichtig aus dem Leben und der Entwicklung dieses Mannes heraus. Beuys, einem rheinisch-katholischem Elternhaus entsprossen, war nationalsozialistischer Prägung und Erziehung altershalber völlig ausgeliefert und wurde für das Regime zum Freiwilligen, zum Kriegshelden und gefeierten Schlachtflieger an Ost- wie Westfront.

Als Joseph Beuys nach diesem (als Soldat knapp überlebten) Weltkrieg später zu einem Weltstar der Kunst wurde, zum gefeierten und tief verehrten Düsseldorfer Hochschullehrer, zum Provokateur schlechthin, schließlich auch – trotz gewisser Peinlichkeiten – zum Politstar der aufkommenden Grünen und der Ökobewegung überhaupt, da wurde nicht danach gefragt. Seine Eichen-Pflanzungen und Basalt Häufungen zur Kasseler „documenta 7“ im Jahr 1982 waren von allesüberragender Symbolkraft und strahlten medial weithin aus. So unverdächtig wie schlagzeilenträchtig. Drei Jahre danach wurde dem Beuys-Projekt in Tübingen einer Ausstellung gewidmet.

Aber bezeichnenderweise hat Beuys diese prägende Basis immer als Teil seiner selbst betrachtet und nie so etwas wie Distanz, nachdenkliche Einsicht oder gar Reue gezeigt, was seine jungen Jahre anging. Im Mythos war er verwurzelt, dem Mythos wandte er sich zu – wie diese Ausstellung sehr überzeugend zeigt. Und der Verwandtschaft mit dem „Mythus“ der Nationalsozialisten und all deren Chiffren und Symbolen war er sich, natürlich, völlig bewusst. Nur die Kunstwelt nicht, die Kritik nicht, die Öffentlichkeit und der Zeitgeist nicht. Die Debatte darum gab es und gibt es aber bis heute. Sie blieb allerdings eher ein Nischenphänomen.

Vielleicht regt die Ausstellung „Bewohnte Mythen“ auch diese Diskussion wieder ein wenig an, so dezent und geschmeidig Nicole Fritz die kontroverse und brisante Frage auch einbindet in ihre – wie gewohnt sorgsam und sinnfällig *2) zusammengestellte – Retrospektive zum Schaffen von Joseph Beuys. Der Faktor „Feminismus“ fällt eher dürftig aus (das Modethema „queer“ hat sowieso keine Relevanz bei Beuys). Es lassen sich eben keine Häsinnen aus dem Hut, aus diesem ikonischen Filzhut zaubern. Dieser Mann war ein Mann. Und seine Zeichnungen zeigen weder weibliche Schönheit, noch weibliche Power, noch weibliche Rebellion, gar Befreiung, oft nicht einmal Bewunderung und tiefen Respekt – und leider erst recht kein überragendes zeichnerisches Talent.

Info: Die Ausstellung „Joseph Beuys. Bewohnte Mythen“ wird am morgigen Freitag um 19 Uhr in der Tübinger Kunsthalle, Philosophenweg 76 (Wanne), eröffnet. Sie ist dort bis zum 8. März zu den üblichen Öffnungszeiten zu sehen.

*1) Die handwerklichen Schwächen eines Paul Cézanne (Max Liebermann: „So ein schöner Arm kann gar nicht lang genug sein!“) oder eines Vincent van Gogh mindern deren Rang natürlich überhaupt nicht, im Gegenteil. Auch Einstein ließ sich ja mathematisch helfen. Und bei Picasso, umgekehrt, lenken seine unfassbaren Fähigkeiten und Fertigkeiten sogar eher ab von seiner Bedeutung. Und à propos Dürer….

*2) Dem Kunsthallen-Vorgänger Götz Adriani bescheinigte der spätere Sammler und Mäzen, Tagblatt-Verleger, Chefredakteur und Kritiker Christoph Müller einst zwar (über dessen unglaubliche kultur-diplomatische Netzwerk-Begabung für – mittlerweile völlig undenkbare -Kunstereignisse hinaus), dass er „keine Ahnung von Kunst“ habe, dafür aber ein „Genie der Hängung“ sei. Nicole Fritz bringt da, mit einem offenbar tollen Team, auf auf beiden Seiten ihre Stärken zur Geltung. Es werden da Hüte gezogen.

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