Im Bebenhäuser Sommerrefektorium musizierte am Samstagabend das tschechische Ensemble Martinů Prag
BEBENHAUSEN. Tschechische Kammermusik stand am gestrigen Samstag auf dem Programm der Sommerkonzerte im Kloster Bebenhausen: Es gastierte das Ensemble Martinů Prag im erneut voll besetzten Sommerrefektorium.
Gegründet 1978 durch Jan Riedlbauch, besteht seither das Ensemble als Quartett in der ungewöhnlichen Besetzung Querflöte, Violine, Cello, Klavier. Dafür gibt es nur wenig Originalrepertoire, so dass es oft auf Bearbeitungen zurückgreifen oder als Trio auftreten muss. Letzteres war nun in Bebenhausen der Fall, die Geigerin fehlte. Es musizierten der Flötist und musikalische Leiter Miroslav Matějka, der Cellist Bledar Zajmi und die Pianistin Veronika Böhmova; zunächst einzeln und im Duo und zum Schluss als Trio. Die Nummern folgten der Chronologie ihres Entstehens, als roten Faden konnte man den Bezug auf die tschechische Folklore sehen.
Den Anfang macht Veronika Böhmova mit einer Klavierfantasie über tschechische Volkslieder von Bedřich Smetana (1824 bis 1864). Dieser hat darin die Lieder „Eine Gans flog“, „Der Diener hat einen Ofen“ und „Ich habe gehört, wie die Pferdchen wieherten“ in ein pompöses Gewand à la Liszt gekleidet, das angesichts der schlichten Melodien beinah grotesk wirkt und mit seiner überbordenden Virtuosität den Interpreten nicht nur extrem fordert, sondern auch zur Effekthascherei einlädt. Veronika Böhmova besteht die Herausforderung mit Bravour, sie absolviert Smetanas Fantasie mit romantischer Emphase, reichlich Rubato und bewundernswerter Virtuosität. Mit Löwenpranken entfesselt sie einen finalen Klangrausch, dem begeisterter Applaus folgt.
Danach tritt der Flötist Miroslav Matějka zu ihr auf die Bühne. Er hat Antonín Dvořáks (1841 bis 1904) Sonatine G-Dur op. 100, die im Original in New York 1893 für die Violine und Klavier spielenden Kinder Dvořáks geschrieben wurde, selbst für Flöte und Klavier bearbeitet. Man kann das hübsche viersätzige Werk als Reisemitbringsel für die Kinder verstehen, sozusagen eine Sinfonie „Aus der neuen Welt“ im Taschenformat. Das hindert Miroslav Matějka nicht, die schlichte Machart mit kraftvollem Ton und glühender Emphase zu überschreiben und aus der intimen Sonate ein großes Konzertstück zu machen. Er ist zweifelsohne ein brillanter Flötist mit erstaunlichen Fertigkeiten und langjähriger Routine, doch dieser Sonatine wird er so nicht ganz gerecht.
Nach der Pause, die man wie stets im idyllischen Kreuzgang verbringt, kommt ein Originalwerk zu Gehör: „Pohádka“ (Ein Märchen) für Violoncello und Klavier von Leoš Janáček (1854 bis 1928). Anders als der Flötist zuvor lässt sich der Cellist Bledar Zajmi sensibel auf die kammermusikalische Zwiesprache mit dem Klavier ein. Dieses zwischen 1910 und 1923 in mehreren Fassungen komponierte Märchen, das angeblich auf der russischen Geschichte vom Zaren Berendej und dem Zauberer Kaschtschei beruht, besteht durchweg aus einem kontrastreichen Dialog zwischen Klavier und Cello.
Was geht da zwischen den beiden vor? Im ersten Satz beantwortet das Cello das weiche pianistische Perlen mit harschen Einwürfen, im ruhigen zweiten verbindet sich der Gesang der Instrumente zum Duett, und im dritten steigern Janáček und seine Interpreten die instrumentale Klangrede zur leidenschaftlichen Wechselrede, um – überraschend – in nachdenklicher Stille zu enden, gefolgt von lebhaftem Beifall und Bravorufen für eine Darstellung, die Janáčeks „sprechenden“ Stil überzeugend zur Geltung gebracht hat.
In der letzten Programmnummer widmet sich das Ensemble Martinů in Triobesetzung seinem Namensgeber Bohuslav Martinů (1890 bis 1959) und dessen Trio für Flöte, Cello und Klavier (H.300) aus dem Jahr 1944, entstanden in den USA. Hier wird man kaum tiefere Bedeutung finden: Es handelt sich um eine undogmatische Spielmusik eigener Art, deren überraschende Wendungen und wechselnde Rhythmen teils musikantische Folklore, teils (im Adagio-Satz) ausdrucksvolle Klangrede anklingen lassen. Sie ist in ihrer quirligen Buntheit beim Ensemble Martinů in besten Händen, das sich gründlich mit dieser Musik auseinandergesetzt hat und sie nun aus seiner langjährigen Erfahrung heraus in einmütigem Zusammenspiel differenziert, plastisch und quicklebendig auferstehen lässt – so vielfältig und bunt wie die tschechische Kammermusik insgesamt.
Für den ausgiebigen Beifall des Publikums bedankt sich das Ensemble mit „Le jardin féerique“ aus Ravels „Ma mère l’oye“ in einer Triobearbeitung.
