Das Monet Quintett war mit eigenen Gästen beim Reutlinger Kammermusikzyklus im Kleinen Saal der Stadthalle zu Gast
REUTLINGEN. Ein Bläsernonett im Kammermusikzyklus: das „Monet Quintett und Freunde“, insgesamt sieben Holzbläser und zwei Hornisten. Sie präsentierten am Freitagabend im kleinen Saal der Reutlinger Stadthalle drei Originalwerke sowie eine Bearbeitung von Mendelssohns „Sommernachtstraum“.
Wenn man’s genau nimmt, trifft die Überschrift „Bläsernonett“ nur auf das letzte der vier dargebotenen Werke zu, nämlich die Mendelssohn-Bearbeitung von Andreas Tarkmann. Die andern sind kleiner besetzt und nehmen ihren Ausgang bei der traditionellen Holzbläserquintett-Formation aus Querflöte, Oboe, Klarinette, Fagott und Horn (das Horn dient als Klangbrücke), die Anton Reicha zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Paris begründet hat. Paris deshalb, weil das dortige Conservatoire kurz nach der Revolution aus der Verbindung von Opern- und Militärmusikschule entstand und seither eine institutionalisierte Bläserausbildung betreibt. Die Qualität der französischen Holzbläser führte zu einem entsprechenden Repertoire, während in deutschen Landen dieser Bereich eher vernachlässigt wurde.
Mittlerweile haben die deutschen Bläser längst mit den französischen Kollegen gleichgezogen – das Monet Quintett beweist es mit exzellenter Qualität. Es besteht aus Profimusikern, die eine Professur bzw. ein Solo-Pult in bekannten Orchestern innehaben: Daniela Koch (Flöte), Marc Gruber (Horn), Nemorino Scheliga (Klarinette), Johanna Stier (Oboe) und Theo Plath (Fagott), der gut gelaunt moderierte.
Extreme Ansprüche stellt das erste Bläserquintett des Parisers Jean Françaix aus dem Jahr 1948, das viel Virtuosität erfordert und zunächst als unspielbar galt. Angesichts der Darbietung durch das Monet-Quintett ist das kaum zu glauben: Mit unnachahmlicher Eleganz und Klangschönheit überfliegen sie die technischen Hürden und kitzeln in nahtlosem Zusammenspiel Witz und Ironie aus den Noten; das Publikum schmunzelt.
Für das Bläser-Oktett B-Dur (op. 216) des Spätromantikers Carl Reinecke kommen Freunde des Monet-Quintetts hinzu: Norbert Kaiser (Klarinette), Pascal Deuber (Horn) und Mathis Stier (Fagott). Sie erweitern das Quintett zum kleinen Holzbläser-Orchester und machen klar, woher die ähnlich besetzte und lange Zeit sehr beliebte „Harmoniemusik“ ihren Namen hat: Das Zusammenspiel der Rohrblattinstrumente mit Flöte und Horn ist so kernig wie homogen und erfreut das Ohr mit satten Akkorden. Reineckes Oktett wird in diesem Fall romantisch überhöht und detailreich durchgestaltet; gemeinsame, genussvoll ausgekostete Spielfreude hilft über kompositorische Schwächen hinweg.
Leoš Janáčeks Bläsersextett „Mládi“ (Jugend) ist ebenfalls der französischen Bläsertradition zu verdanken: Er hat es sich selbst zum 70. Geburtstag geschenkt, nachdem er in Salzburg ein Konzert der Pariser „Société moderne des instruments à vent“ miterlebt hatte. Die so einfühlsame wie detailgenaue Interpretation macht es trotz Janáčeks eigenwilliger Tonsprache leicht, dem Komponisten in seine Kindheit zu folgen: Die um eine Bassklarinette erweiterte Besetzung evoziert Worte, Rufe, Rennen, Klagen, Träume und Stimmungen.
Zurück zur Harmoniebesetzung geht’s mit dem „Sommernachtstraum“ von Felix Mendelssohn Bartholdy in einer relativ neuen Bearbeitung für Bläsernonett von Andreas Tarkmann. Als neunter Mann ergänzt nun Ivan Danko (Oboe) das Ensemble. Wer Mendelssohns Original im Ohr hat, vermisst zu Beginn eventuell die leitmotivischen Akkorde oder die flirrenden Streicherklänge; doch Tarkmann und die bestens aufeinander eingespielten Bläser machen die Neufassung zu einem Hörerlebnis, das mit Horn- und Holzbläserklang mitten hinein in den Zauberwald führt und in flinker, tänzerischer Bewegung den Elfenspuk weckt.
Viele Details lassen aufhorchen: Der Hochzeitsmarsch wird mittels Piccoloflöte überzeichnet, der Trauermarsch solistisch zelebriert. Nach dem Scherzo liegt spontaner Applaus in der Luft, das Notturno wird zum geheimnisvollen Nachtgesang der Hörner, und dem großartig in Szene gesetzten Finale folgt anhaltender Jubel im kleinen Saal. Als späte, aber immer noch tänzerisch frische Dreingabe beschließt Tschaikowskis „Trepak“ aus dem „Nussknacker“ den Abend.
