Das gestrige Metzinger Filmmusik-Konzert der Freien Sinfonie erklingt am heutigen Sonntag noch einmal in der Tübinger Stiftskirche
METZINGEN/TÜBINGEN. Ein weiteres „junges“ Orchester aus dem Umfeld der Universität: die Freie Sinfonie Tübingen. Sie ist hervorgegangen aus dem Fichtehaus-Orchester, ihre Proben finden nach wie vor in diesem Studentenwohnheim statt. Mit ihren etwa 75 Mitgliedern füllt sie die Bühne der Metzinger Stadthalle am gestrigen Samstagabend bis zum Anschlag, hält aber, dennoch ausgewogen besetzt, die klangliche Balance, wie sich später zeigen wird. Die Leitung hat seit einem Jahr Thomas J. Mandl, vielseitiger Musiker und Rektor der evangelischen Hochschule für Kirchenmusik in Tübingen. In Reutlingen leitete er von 2022 bis 2025 das dortige Kammerorchester.
Angeblich zum ersten Mal spielt die Freie Sinfonie nun ein reines Filmmusik-Programm, das im 24-seitigen Programmheft launig als „Szenen-Sommerkonzert“ mit Hauptdarsteller, Regisseur und Produzent erläutert wird. Die Dramaturgie hält sich an das bewährte Muster aus Ouvertüre, Solokonzert und zweitem Teil, der in diesem Fall nicht aus einer Sinfonie, sondern aus einem Filmmusik-Block besteht.
Gehört das einleitende „Lohengrin“-Vorspiel (1850) von Richard Wagner zur Filmmusik? Ja, Charlie Chaplin hat es in „Der große Diktator“ (1940) verwendet. Und wenn es zu Wagners Zeit schon Filme gegeben hätte, hätte er sicher großartige Musik dazu komponiert. Überhaupt kann man die Oper als Film-Vorläuferin sehen, und gerade Wagners Leitmotiv-Technik wurde und wird gern im Film eingesetzt.
Nun sein Gralsmotiv, das dieses Vorspiel prägt: eine schlichte Melodie auf einem zarten A-Dur-Akkord, den die Streicher in der Höhe behutsam zum Leuchten bringen. Es wird erweitert um die andern Stimmen, blüht auf und verlischt. Für ein Liebhaberorchester eine echte Herausforderung, doch die geteilten Violinen meistern es unter Mandls umsichtiger Leitung sicher und gut durchhörbar, sie halten die innere Spannung bis zum Schluss in der Stille.
Auch der Adagio-Satz aus Wolfgang Amadeus Mozarts Klarinettenkonzert A-Dur (KV 622) wurde filmisch eingesetzt: Er untermalt in „Jenseits von Afrika“ (1985) die Szene, in der die weibliche Hauptfigur zurückblickt („Ich hatte eine Farm in Afrika“). Dass es sich bei Mozarts Konzert um eigenständige Kunst handelt, macht die exzellente Interpretation durch Adam Ambarzumjan deutlich, Solo-Klarinettist der Württembergischen Philharmonie Reutlingen.
Sein Instrument ist die tiefe Bassettklarinette , für die Mozart das Konzert eigentlich komponiert hat. Praktisch umgesetzt wurde dies erst ab 1968 – bis dahin wurde es auf der üblichen A-Klarinette mit behelfsmäßigen Umbrüchen im Melodieverlauf gespielt. Hier ist das Original zu hören, ungebrochen und mit extremen Sprüngen aus der schwarzen Tiefe über zwei Oktaven hinweg in den hellen Diskant, die Mozart in den Ecksätzen oft einsetzt. Das berühmte Adagio erklingt als romantisches Juwel, durch Ambarzumjan makellos schön, nuancenreich und feinfühlig ausziseliert. Für den großen Applaus bedankt er sich mit einem Volkslied aus seiner Heimat Armenien. Seine Klarinette spricht, erzählt, flüstert, lacht – ein Wunder an Ausdruckskraft.
In dem großen Filmmusik-Block nach der Pause geht es um männliche Helden: im Krieg der Sterne (Star Wars), im Krieg der Mafia-Clans (Der Pate), im Kampf gegen Drachen (Drachenzähmen leicht gemacht) und gegen das Böse überhaupt (James Bond, Der Herr der Ringe). Dass diese Stücke weitgehend recht ähnlich gesetzt sind, nämlich als kraftvoller, bläsergestützter Unisono-Chor, kann mit diesem Klischee zusammenhängen, aber auch damit, dass Filmmusik oftmals auf die Schnelle für die Box und nicht für die Live-Bühne komponiert wurde (und wird).
Manche haben sich John Williams als Vorbild genommen, dessen erfolgreiche Star-Wars-Musik mit martialischem Blech und sieghaftem Marschtritt an Militärmusik erinnert. Angesichts der Uniformität dieser Stücke und der drückenden Schwüle im Saal war es nur verständlich, dass gegen Ende die Konzentration etwas nachließ.
Durchbrochen wurden die heldischen Klänge durch den Griff des Dirigenten zum rot leuchtenden Kinder-Laserschwert in „Star Wars“, das einsame Violinsolo aus „Schindlers Liste“, gespielt von Konzertmeister Sebastian Fetzer, und durch die Zugabe des Orchesters: einer Suchfahrt durch mögliche Filmmusik-Kandidaten mit der Musik zu „Pippi Langstrumpf“ als Siegerin, bejubelt mit anhaltendem Applaus.
Info: Ein weiterer Auftritt findet am heutigen Sonntag, 12. Juli, um 17 Uhr in der Stiftskirche Tübingen statt.
