Die Herbstlichen Musiktage (HMT) in Bad Urach gehen am heutigen Freitag zuende – wir ziehen ein Résumé
BAD URACH. Auch wenn die Herbstlichen Musiktage Bad Urach (2. bis 9. Oktober 2026) im Moment noch nicht ganz zu Ende sind, soll hier dennoch ein vorläufiges Résumé versucht werden.
Vorab ist festzuhalten, dass Florian Prey dieses Jahr sein 20-jähriges Jubiläum als künstlerischer Leiter begeht. Gleichzeitig hat auch Kulturamtschef Thomas Braun damals die organisatorische Leitung vor Ort übernommen; er wird sie nach diesen Musiktagen abgeben. Beide können auf eine gemeinsame Erfolgsgeschichte zurückblicken: Sie haben das ländliche Musikfestival übernommen und auch in schwierigen Zeiten weiterentwickelt. Das diesjährige Motto lautet „Klangbögen – Sounds of Connections“.
Die Konzertstätten sind zugleich attraktiv und akustisch gut geeignet: der Palmensaal im Residenzschloss, der nach langer Renovierung endlich wieder genutzt werden kann, die Stiftskirche St. Amandus, die in den letzten Jahren ebenfalls renovierte städtische Festhalle und der Kammermusiksaal (Prof.-Dr.-Willi-Dettinger-Saal) unterm Dach des Bürgerhauses Schlossmühle. Zwischendurch kamen weitere Kirchen und Säle vor Ort und in der Umgebung hinzu.
Neben den Konzerten wurden früher Meisterkurse durch renommierte Sängerinnen und Sänger angeboten, deren öffentliche Proben und Abschlusskonzerte das Programm bereicherten; sie sind derzeit ausgesetzt, sollen aber wieder aufgenommen werden. Hinzu kommen Kinderkonzerte, ein musikalisches Abendessen, seit ein paar Jahren ein Popkonzert und im Dezember ein Chorkonzert in der Stiftskirche St. Amandus.
Die diesjährigen Musiktage begannen am 2. Oktober 2026 mit dem gewohnten Eröffnungsabend in der Festhalle. Nachdem der traditionell eingeplante Festvortrag vor zwei Jahren auf Kritik gestoßen war, wurde 2025 ganz auf ihn verzichtet. Dieses Jahr nun hielt ihn Florian Prey persönlich als Rückblick auf sein 20-jähriges Wirken als künstlerischer Leiter. Den musikalischen Part übernahm das Odeon Jugendsinfonieorchester München unter seinem Gründer und Leiter Julio Doggenweiler Fernández und bewies mit Camille Saint-Saëns‘ „Danse Macabre“, Maurice Ravels „Ma mère l’oye“ und Igor Strawinskys „Petruschka“ Präzision und Spielfreude. Mit „Petruschka“ hatte das junge Orchester ziemlich hoch gegriffen, meisterte diesen Meilenstein der Moderne aber fulminant und sicher.
Am Samstagabend (3. Oktober) folgte ein spezielles Barock-Konzert im damit quasi wieder-eröffneten Palmensaal mit dem englischen Ensemble „Apollo’s Cabinet“ um die österreichische Blockflötistin Teresa Wrann. In seinem Programm „re:invention“ verfolgt es die Wege bekannter Melodie- und Harmoniefolgen durch die Barockmusik und – mit überraschenden Querbezügen – durch die moderne Popmusik. Die Namen Telemann, Buxtehude, Hassler und Keiser wechseln mit Carole King, Paul Simon, Elton John, Stephen Merritt und Peter Gabriel, scheinbar Fremde erweisen sich unvermutet als verwandt. Klanglich im Vordergrund stehen dabei die zu zweit und zu dritt virtuos gespielten Blockflöten, in den barocken Stücken begleitet durch Orgel, Cembalo und Gambe, in den populären heutigen durch eine Barockgitarre. Abgerundet wird das Ganze durch vokale Beiträge der Sopranistin Lauren Lodge-Campbell, etwa die sprachbewusst gestaltete Händel-Arie „Lascia ch’io pianga“.
Ein renommiertes Streichquartett übernahm die sonntägliche Matinee am 4. Oktober im Palmensaal: das Henschel Quartett. Klassiker der Königsgattung der Kammermusik von Joseph Haydn (op. 76 Nr. 1) und von Ludwig van Beethoven (op. 59 Nr. 2) rahmten zwei Neuheiten: zum einen das vom Henschel Quartett wiederentdeckte Streichquartett Nr. 1 („Norfolk“) der englischen Komponistin Freda Swain (1902 bis 1985), zum anderen die Uraufführung einer schlichten, im volkstümlichen Ton gehaltenen Neukomposition von Florian Prey.
Dieser ließ es sich nicht nehmen, am selben Abend zu seinem Jubiläum und zur Freude seiner langjährigen Anhänger in der Schlossmühle Schuberts Liederzyklus „Die schöne Müllerin“ aufzuführen, wie stets begleitet von Florian Uhlig am Flügel.
Als musikalischen Höhepunkt konnte man den Auftritt des Freiburger Barockorchesters (siehe das Titelfoto) am Dienstagabend (6. Oktober) in der Stiftskirche St. Amandus verzeichnen. Vor ausverkauftem Haus musizierte das renommierte Ensemble sämtliche sechs Brandenburgischen Konzerte von Johann Sebastian Bach auf historischen Instrumenten. Die musikalische Struktur wurde raumakustisch durch die frontale Aufstellung der jeweiligen Concertino-Gruppe verdeutlicht, sämtliche Mitspieler – jede und jeder Einzelne ein Solist erster Güte – versetzten die Concerti großteils im Stehen und mit ansteckender Musizierfreude in tänzerische Bewegung. Immer wieder staunt man, wie Naturhörner und Naturtrompete sich ins Klangbild fügen, ohne herauszustechen; hier konnte man einen harmonischen, dabei ausdifferenzierten „historischen“ Gesamtklang erleben.
Eher mäßig besucht war das Chorkonzert am Abend danach (7. Oktober) in der Festhalle. Hier gastierte das Münchner Ensemble Vokalzirkel mit Johannes X. Schachtner als Chorleiter, der Bariton Gerrit Illenberger und das junge Klavierduo Neeb. Angekündigt waren „Romantische Chorwerke von Robert und Clara Schumann“, allerdings war Claras Anteil auf eine etwas eigenwillige Bearbeitung ihres Liedes „Liebst du um Schönheit“ durch Clytus Gottwald beschränkt. Ansonsten wurden im ersten Teil Originale und Bearbeitungen von Chorwerken Robert Schumanns präsentiert, unterbrochen durch verträumte vierhändige Klavierstücke. Der zweite Teil brachte Schumanns Liederzyklus „Dichterliebe“ in einer Bearbeitung von Johannes X. Schachtner für Bariton, Chor und Klavier zu vier Händen, die das Original auf wechselnde Besetzungen verteilt und seine Wirkung mit einer gewissen Dramatik erhöht. Der Bariton Gerrit Illenberger erwies sich als präsenter Interpret der hier mehrfach gebrochenen vertonten Liebeslyrik.
Den traditionellen Teil der Herbstlichen Musiktage beschloss am Donnerstag (8. Oktober) ein Puccini-Abend im Palmensaal mit Frederic Böhle als Sprecher und dem Klagenfurter „ensemble minui“, das sich der Reduktion großer Orchesterwerke auf Nonett-Besetzung verschrieben hat. Nach den hochkarätigen musikalischen Darbietungen der letzten HMT-Tage fielen die neu-arrangierten Opernauszüge aus „Tosca“, „Manon Lescaut“ und „La Bohème“ etwas ab, nicht zuletzt aufgrund einer unausgewogenen Klangbalance und des Fehlens von Hinweisen auf das Gespielte. Im Kontrast zu der eher sentimentalen Musik stand die boulevardeske Einmann-Show von Frederic Böhle, der das große Publikum komödiantisch unterhielt.
Insgesamt können die Veranstalter bis jetzt eine gemischte Bilanz der Herbstlichen Musiktage 2026 ziehen: Wenigen mäßig besuchten standen mehrere gut besuchte sowie musikalisch herausragende Veranstaltungen gegenüber.
Am heutigen Freitag (9. Oktober) folgt ein Auftritt der Reggae- und Worldmusic-Band Jamaram in der Festhalle, als weihnachtliches Extrakonzert ein gemeinsamer Auftritt des Windsbacher Knabenchors mit dem Ensemble „Spark“ am 22. Dezember in der Stiftskirche St. Amandus Bad Urach. Wer im kommenden Jahr die Nachfolge des bewährten Bad Uracher Organisators Thomas Braun antritt, wird sich zeigen.
