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„Hamnet“ – Der Rest ist Stille

Im Tübinger Museum läuft das Shakespeare-Biopic „Hamnet“ von Oscar-Gewinnerin Chloé Zhao

TÜBINGEN. Für „Nomadland“ hat sie 2021 den Regie-Oscar verliehen bekommen. Chloé Zhao beherrscht das Handwerk. Ihre Erfahrungen bei den Dreharbeiten zu „Hamnet„, der Filmbiografie über William Shakespeare (1564 bis 1616) und seine Frau Agnes, die den Tod ihres Sohnes betrauern, hat sie in sehr bewegenden Worten über die Stille und das Zuhören geschildert *1). Jessie Buckley in der Rolle dieser geheimnisvollen Frau und Mutter ist ein Ereignis, der Film eine Sensation.

Sein epochales Werk wirkt fort auf allen Bühnen der Welt und ist gut erschlossen, tausendfach erforscht und gedeutet. Aber man weiß wenig über Shakespeares Leben und erst recht kaum was Gesichertes über das Werden, vor allem über Wesen und Charakter dieses Genies. Dass die Irin Maggie O’Farrell aus den dürren überlieferten Fakten einen im Grunde frei fantasierten Frauenroman gemacht hat, ist völlig legitim. Er verkaufte sich weltweit millionenfach. Zusammen mit Cloé Zhao hat sie auch das Drehbuch für diesen Film geschrieben. Es ist eine Geschichte von faszinierender Dichte und Tiefe – und von archaischer Wucht geworden: Leben, Liebe, Tod.

Paul Mescal als William Shakespeare. Foto: Verleih

Nach allen historischen Quellen hieß die Gattin des Mannes aus dem Dorf Stratford-upon-Avon, der allein nach London ging, als Dramatiker schon zu Lebzeiten zu etwas Ruhm, sogar zu etwas Reichtum kam und für Vaganten-Truppen, später für sein Globe Theatre einen eigenen Menschheits-Kosmos schuf, Anne Hathaway. In „Hamnet“ ist sie die kräuterkundige Waise aus dem Wald, ein Kind der Natur und eine gute Hexe, wie ihre Mutter schon, ein spirituelles Wesen. Sie vermag tiefe Blicke in die Seelen und sogar ahnungsvoll in die Zukunft zu werfen. Der Hutmacher-Sohn, als Lateinlehrer auch ein Sonderling in dieser englischen Handwerker-Welt des ausgehenden Mittelalters, gewinnt die eigenwillige Schöne und Spröde zur Frau. Eine so karge und schlichte wie berührend romantisch in wundertiefe Bilder gesetzte Love Story.

Schon vor der Heirat wird Susanna gezeugt. Dann folgen bald die Zwillinge Judith und Hamnet. William ist viel und immer öfter in London. Als der elfjährige Hamnet im Jahr 1596 stirbt, vermutlich an der immer wieder grassierenden Pest, fehlt der Vater und Ehemann, ist abwesend, bei der Arbeit auf dem Theater in der Hauptstadt – wieder mal. Fünf Jahre danach stellt William Shakespeare seine Tragödie „Hamlet“ über den Dänen-Prinzen fertig. Eine plausible Spekulation, wenn Roman und Film aus der Namensnähe einen tieferen, einen hochdramatischen Zusammenhang herstellen.

Wie Jessie Buckley diese Agnes spielt, vom weiblichen Waldschrat mit dem Falkenjagd-Habicht über die in ihrer Wahl schnell so sichere Verliebte, von der so treuen wie selbstbewussten Frau, der unter Schmerzen Gebärenden, der fürsorglich schützenden, fördernden und bangenden Mutter, der notgedrungen umsichtigen Hausherrin (als Ersatz für den abwesenden Mann in seinem künstlerischen Schöpferrausch und -wahn) bis zur Verzweifelten, die dann gemeinsam mit ihm so still und tief um den Tod des geliebten Hamnet trauert – das ist eine mimische Meisterleistung, wie sie selten in dieser Intensität zu sehen ist.

Paul Mescal als William Shakespeare kann da nicht ganz mitkommen – und soll es auch nicht. Vielleicht wird er mit einem Oscar für die beste Nebenrolle entschädigt. Chloé Zhao inszeniert diesen ergreifenden Handlungbogen in absoluter Perfektion – bei völliger Zurückhaltung. Nicht die kleinste Effekthascherei ist zu bemerken. Dafür eine unglaubliche Sensibilität.

Die Farb- und Lichtführung mit Kameramann Lukasz Zal, der grandiose eigene Schnitt mit atemberaubenden Nahaufnahmen, die Perspektiven und präzise proportionierten Bildkompositionen, etwa bei den Geburten, bei Krankheit und Tod, die Nebenrollen, darunter Emily Watson als Schwiegermutter, und diese fantastisch geführten jungen Darsteller der Kinderfiguren, die lakonischen, nicht selten deutungsoffenen Dialoge: alles bis ins Detail absolut großartig. Sogar die Minimal Music von Max Richter – sofern sie überhaupt eingesetzt wird – passt perfekt. Allenfalls zum Schluss hin trägt sie vielleicht eine Spur zu pastos auf.

Das Ende mit einer „Hamlet“-Aufführung im Globe Theatre ist ein Ende mit Trost nach dieser unsagbaren Trauer um das Kind. Agnes versteht. Das Dramatiker-Genie Shakespeare erfährt seine angemessene Würdigung gerade in den leitmotivisch eingesetzten Dichterworten. „The rest is silence“, sagt Hamlet. Die deutschen Übersetzungen und der Zitatenschatz nennen es „Schweigen“.

Aber „Der Rest ist Stille“ würde hier besser passen, zu diesem grandiosen Film, einem Monument von leiser Größe und soghaft suggestiver Kraft.

(125 min., FSK ab 12)

Mutter Agnes (Jessie Buckley ) und die Zwillinge Shakespeares machen Theater auf dem Hof in Stratford-upon-Avon. Fotos: Verleih

*1) „Ich habe gelernt zuzuhören, aufmerksam zu sein, auch wenn es leise ist, weil einem die Stille manchmal etwas sagen will, die Botschaft vermitteln will, dass ein besseres Leben vielleicht gleich um die Ecke auf uns wartet.“.

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