Die Würtembergischen Philharmonie, die Junge Sinfonie und viele Solisten feierten in der Reutlinger Stadthalle die Christel-Guthörle-Stiftung mit einem Jubiläumskonzert
REUTLINGEN. Zwei Orchester mit ihren Dirigenten, zwei Moderatoren, vier Solisten, vier Solokonzerte: Das 25-jährige Jubiläum der Christel-Guthörle-Stiftung CGSt wurde am gestrigen Samstagabend (25. Oktober 2026) mit einem großen Konzert im fast voll besetzten großen Saal der Reutlinger Stadthalle gefeiert.
Die Liste der Mitwirkenden ist lang: die Junge Sinfonie Reutlingen unter Konrad Heinz, das Orchester der Württembergischen Philharmonie Reutlingen unter Chefdirigentin Ariane Matiakh, Johanna Rist (Blockflöte), Lukas Plag (Violoncello), András Lakatos (Klavier) und Christoph Eß (Horn). Die Moderation übernahmen WPR-Intendant Cornelius Grube und der indische Bariton Frazan Kotwal (mittlerweile Adoptivsohn des Ehepaars Guthörle und einer der Stiftungsleiter)
Das Riesenaufgebot ist vor allem der nunmehr 25-jährigen Leistung und dem großen Erfolg der Christel-Guthörle-Stiftung geschuldet. Die vier Stipendiaten, die als Solisten auf die Bühne traten, stehen stellvertretend für etwa 30 Zöglinge, die sich mittlerweile eine gute Position (darunter Professuren) erarbeitet haben. Manche wären gern mit dabei gewesen, mussten sich aber aufgrund eigener Konzertverpflichtungen durch die Eltern vertreten lassen.
Die Stifter Christel und Hans Dieter Guthörle und ihre Stipendiaten verbindet neben der finanziellen Unterstützung ein enges persönliches Verhältnis. Sie treffen sich am Esstisch in Reutlingen und fühlen sich auch untereinander als Familie. Legendär sind die Geschichten vom tatkräftigen Eingreifen der Stifter etwa in Sachen Auftrittskleidung. Ein wichtiges Kriterium bei der Auswahl der Stipendiaten: Starallüren sind unerwünscht. Auch die musikalische Ausrichtung ist nicht zwingend; wissenschaftliche Talente und Mehrfachbegabungen werden genauso gefördert.
Die Reutlinger Blockflötistin Johanna Rist etwa schlägt eine medizinische Laufbahn ein, der junge indische Bariton Frazan Kotwal, der die Stiftung gemeinsam mit WPR-Intendant Cornelius Grube in die Zukunft führen wird, verfügt über Abschlüsse und Erfahrungen im Medien- und Sozialbereich.Dass zum Jubiläumskonzert gleich zwei Orchester auf die Bühne treten, hat seinen Grund: Die Junge Sinfonie Reutlingen wurde schon früh durch das Ehepaar Guthörle unterstützt, hinzu kam später die Vermittlungsabteilung der Württembergischen Philharmonie Reutlingen. Seit 2021 bildet die WPR das „Dach“ der Stiftung.
Den Anfang machte die Junge Sinfonie Reutlingen unter der Leitung von Konrad Heinz. Zunächst mit einer Intrade von Jean-Baptiste Lully, perkussiv markiert durch die Schläge des Glöckchen-gezierten historischen Taktstocks, danach als kleines, im Stehen musizierendes Barock-Ensemble aus Streichern und Cembalo, das der Blockflötistin Johanna Rist bei Vivaldis Concerto c-Moll (RV 441) stilvoll assistierte. Wie ihre Mit-Stipendiaten danach erwies sie sich als glänzende Solistin mit makelloser Technik, ebenmäßigem schönem Ton, unprätentiöser Virtuosität und kultivierter Gestaltungskraft. Ihr flinkes, lupenreines Spiel verwandelte Vivaldis Arpeggien in harmonische Mehrstimmigkeit.
Den ersten Teil des Abends erweiterte eine kleine Gesprächsrunde mit OB Keck auf der Bühne, die Rückblick und Ausschau hielt. Bemerkenswert sind die Beweggründe des Ehepaars Guthörle: der Menschheit etwas Sinnvolles zu hinterlassen, indem sie Musik, Kunst und Wissenschaft fördern. Befragt nach ihren „großen Momenten“ verwiesen sie auf die alljährlichen Auszeichnungen ihrer Stipendiaten und den sensationellen Erfolg von Christoph Eß 2005 als jüngster Hornist beim ARD-Wettbewerb. „Keiner hat besser Mozart gespielt!“, so Christel Guthörle.
Oberbürgermeister Thomas Keck würdigte die Leistung der Guthörle-Stiftung als wichtigen Bestandteil der Kulturförderung in Reutlingen und lobte die kulturelle Vielfalt in der Stadt. Wer allerdings auf eine offizielle Ehrung gehofft hatte, wurde enttäuscht.
Als zweiter Guthörle-Stipendiat des Abends trat der Cellist Lukas Plag, derzeit 1. Solocellist im Beethoven-Orchester Bonn, vor die nun größer besetzte Junge Sinfonie. Lächelnd, lebhaft und direkt lotete er mit bewundernswertem Können und hoher Musikalität das Cellokonzert a-Moll von Camille Saint-Saëns aus, zu Recht bejubelt vom Publikum.
Nach der Pause folgte ihm der vielfach ausgezeichnete Pianist András Lakatos, der Mendelssohns Klavierkonzert Nr. 2 schon mit 12 Jahren gespielt hat. Dessen Brillanz wurde er mit weichem Anschlag und blitzsauberer Virtuosität gerecht. Dem langsamen Satz verlieh er nuancenreichen Ausdruck, akkurat assistiert durch das Orchester der WPR, geleitet von Ariane Matiakh.
Zum musikalischen Höhepunkt des Abends wurde fraglos das Mozart-Spiel von Christoph Eß. Er interpretierte gemeinsam mit dem Orchester der WPR Mozarts Hornkonzert Es-Dur (KV 447) in feinsinniger, edler Perfektion. Nicht der kleinste Missklang trübte den makellosen Hörgenuss und Mozarts schwierige Leichtigkeit, sowohl in der sanglichen „Romance“ wie im atemlos dahinjagenden Finale.
Einen historischen Moment erlebte das Publikum am Ende des Konzerts: Zum ersten Mal in ihrer Geschichte verbanden sich die Junge Sinfonie Reutlingen und das Orchester der Württembergischen Philharmonie zu einem etwa hundertköpfigen Klangkörper, gemischt besetzt mit den Profis der WPR und den jungen Musikern des (vermutlich) ältesten selbstverwalteten Jugendorchesters der Bundesrepublik.
Unter der Leitung von WPR-Chefdirigentin Ariane Matiakh intonierte die Mega-Besetzung die erste „L’Arlésienne“-Suite von Georges Bizet trotz der monumentalen Besetzung beweglich, durchsichtig, klangschön und präzis, getragen von der natürlichen Akustik des Saals. Eine eigene, geheimnisvolle Aura verbreitete das „Adagietto“ der gedämpften Streicher, und das furiose Finale, die „Farandole“, ließ im lebendigen Schwung des Doppel-Orchesters den Saal vibrieren. Der große Jubel des Publikums galt nicht nur dieser Aufführung, sondern auch der Christel-Guthörle-Stiftung und ihren Stipendiaten, die am Ende gemeinsam auf die Bühne traten und lang anhaltenden Applaus entgegennahmen.
