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Figuralchor – Sanft tragender Ton

Jens Wollenschlägers Tübinger Figuralchor gestaltete eine Stiftskirchen-Motette a cappella als „Lob der Schöpfung„

TÜBINGEN. Schon zu den früheren Zeiten unter Gründerin Katja Rambaum hatte der Tübinger Figuralchor ein besonderes Faible für die Vokalmusik der Spätrenaissance. Das nahm Jens Wollenschläger, Stiftkirchenorganist und Professor an der Kirchenmusikhochschule, bei der Motette am gestrigen Samstagabend traditionsbewusst auf und setzte den englischen Komponisten Thomas Tallis (1505 – 1585) mit seinem Anthem „If ye love me“ an den Anfang eines breit gefächerten A-cappella-Programms. Die Stiftskirche war recht gut besucht.

Der Einstieg zeigte schon den Anspruch: einen flächigen ebenmäßigen Klang von feiner Stimmkultur mit weichen Linien bei klaren Einsätzen in dieser Vokalpolyphonie aus der Zeit nach der englischen Reformation Heinrichs des Achten. Doch Jens Wollenschläger erweiterte die Schwerpunkte des gut 30 Stimmen starken Kammerchors vor allem in Richtung der zeitgenössischen skandinavischen Sakralmusik, die länger schon große Beachtung findet. Neben den frühbarocken Altmeistern Monteverdi und Schütz kam Frankreich mit Maurice Duruflé hinzu und, im Zentrum, Arvo Pärt, der estnische Pionier einer „neuen Einfachheit“. Fanny Hensel mit ihrem romantischen „Abschied“ fiel etwas aus diesem Rahmen.

Mit hoher Aufmerksamkeit versuchte der Figuralchor, die subtilen Vorgaben seines Leiters präzise umzusetzen. Fotos: Martin Bernklau

Wie Arvo Pärt war auch der Organist und Komponist Maurice Duruflé (1901 – 1986) höchst traditionsbewusst. Bei allem impressionistischen und spätromantischen Einflüssen in seiner Tonsprache suchte er Klarheit. Von seinen berühmten „Quatres Motets sur des Thèmes Grégoriens“ erklangen die erste („Ubi caritas“) und die letzte („Tantum ergo“) – auch wieder in einem eher zurückhaltenden, mezza voce auf Gleichmaß ausgerichteten Klang. Sehr schön nahm der Chor die Rubati eines dezenten Innehaltens und die Beschleunigungen des inneren Tempos auf, die der Dirigent vorgab. Manchmal nahmen minimale Trübungen diesem sanft tragenden Ton ein wenig von seiner ätherischen Reinheit.

Mit „Cantate Domino“ von Claudio Monteverdi (1567 – 1643) kam mehr tänzerisches Schwer-Leicht in die Diktion des Figuralchors. Dem folgte mit „Which Was the Son of…“ ein ganz eigenartiges Werk von Arvo Pärt (*1935) für vierstimmigen Chor a cappella, das halb als Wechselgesang, halb als Litanei den Stammbau Jesu aus 75 Vorfahren bis zurück auf Adam und Gott selbst – natürlich ein frommes Fake – in Musik setzt. Es ist ein eindringliches und suggestives Beispiel, wie bei Pärt nach seiner Beschäftigung mit Gregorianik, alter Vokalpolyphonie, Zwölftontechnik und Serialismus sein russisch-orthodoxer Glaube zum eigentlichen schöpferischen Maßstab wird.

Pärts „Tintinnabuli“-Stil setzt die religiöse Botschaft in schlichte Dreiklänge und einfachste Strukturen: „God“, als einstimmiger Schlusston vor der „Amen“-Doxologie in schönstem Dur, folgt eine Generalpause. Ganz einfach zu singen sind diese Wechselgesänge mit Echoeffekten trotzdem nicht. Gerade bei den Männern, unterbesetzt wir bei den meisten Chören, aber bis in tiefste Lagen gefordert, wirkte manches nicht ganz stabil, etwas zerbrechlich.

Jens Wollenschläger. Foto: Martin Bernklau

Von dem 1978 geborenen Norweger Ola Gjeilo war zunächst „Northern Lights“ zu hören, das trotz des Titels eine lateinische Motette auf „Pulchra es amica mea“. Seine traditionellen Formmustern zugewandte Vokalmusik ist auch nicht gar so leicht zu singen wie sie wirkt. Gerade eigenwillige Dissonanzen auf einem tonalen Gerüst oder ausgesprochen lange Töne innerhalb polyphoner Reihen sind in ihrem leisen Schweben intonatorisch anfällig, zumal Jens Wollenschläger mit agogisch sprechendem Ausdruck nicht sparte.

Felix Mendelssohns Schwester Fanny Hensel (1805 – 1847) ist aus dem übermächtigen Schatten ihres genialen Bruders in den letzten Jahren doch deutlich herausgetreten. Wiewohl ihre zeitgebundene weibliche Rolle die volle Entfaltung ihrer Begabung und Schöpferkraft nicht zuließ zeigt selbst ein kleines romantisches Lied wie „Abschied“ nach einem Eichendorff-Gedicht viel von ihren überragenden Qualitäten. Den zarten Klang ihres Satzes zeichnete der Figuralchor fein und plastisch mit allen Affekten und Farben nach, wobei auch die für ihre Zeit durchaus originelle und „progressive“ Harmonik ihrer Modulationen auffiel.

Von Heinrich Schütz (1585 – 1672) hatte Jens Wollenschläger nicht etwa ein Werk mit homophonen Klangdomen ausgewählt, sondern das sprachbetonte, durchkomponierte und von damals herkömmlicher polyphoner Satzkunst geprägte „Die Himmel erzählen die Ehre Gottes“. Da gelang nicht alles so präzise wie beim folgenden „Notre Père“, dem ganz syllabisch (jede Silbe ein Ton, wie bei Abba) durchkomponierten „Vaterunser“ in schönster Tonalität, die – wie bei Pärt – nicht als rückwärtsgewandt traditionell, sondern als einfachster Ausdruck tiefen Glaubens gedeutet werden darf.

(später mehr)

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