Gudni Emilsson gibt mit dem Sinfonieorchester des Prages Nationaltheaters und dem Aixer Klaviersolisten Michel Bourdoncle im Tübinger Uni-Festsaal ein rein romantisches Neujahrskonzert
TÜBINGEN. Volles Haus. Darauf gibt es ist inzwischen keine Garantie mehr bei den klassischen Konzerten des Kulturreferats im Festsaal der Tübinger Universität. Zum Neujahrskonzert am Sonntagabend aber war das Sinfonieorchester des Nationaltheaters aus Prag gekommen, dazu der in Tübingens Partnerstadt Aix-en-Provence beheimatete Klaviersolist Michel Bourdoncle. Gastgeber Gudni Emilsson selber dirigierte ein furioses erstes Klavierkonzert von Johannes Brahms mit ihm. Im zweiten Teil folgte ebenso rein Romantisches: neben noch mehr Brahms auch Georges Bizet und Antonin Dvořák.
Der junge Johannes Brahms (1833 bis 1897) tat sich schwer mit seinem sinfonisch-konzertanten Erstling, zumal er unter dem schockierenden Eindruck vom seelischen und geistigen Zusammenbruch, dem Selbstmordversuch und schließlich dem Tod seines väterlichen Freundes und Förderers Robert Schumann stand und der tief verehrten Clara Schumann in diesem Jammer beistehen wollte. Das Konzert für Klavier und Orchester Nr. 1 d-Moll opus 15 war zunächst als Sonate für zwei Klaviere geplant, dann als Sinfonie. Es dauerte fünf Jahre und mehrere Etappen, bis es 1859 unter dem großen Geiger Joseph Joachim – er beriet Brahms auch beim Instrumentieren – und mit dem Komponisten am Klavier in Hannover uraufgeführt werde konnte.
Der Maestoso-Kopfsatz des Konzerts beginnt mit großer Geste, fast herrisch genommen vom Dirigenten und seinem Orchester. Auch im zweiten, dem weichen Teil der Einleitung ist vom Solisten noch nichts zu hören, der seinen Einstieg dann aber mit viel Agogik beginnt und auch mit ordentlichem Pedaleinsatz. Michel Bourdoncle und Gudni Emilsson arbeiten mit dem Orchester die starken Kontraste samt den schwierigen Übergängen sehr differenziert heraus, was den Satz allerdings auch fast rhapsodisch in Abschnitte geteilt wirken lässt, zumal der sinfonische Debütant Brahms die Orchestrierung noch etwas schematisch handhabt.
Die vielen Trillerketten und Oktavparallelen im Klavierpart samt den wilden Ausbrüchen sind unglaublich kraftraubend, was aber die Geläufigkeit bei Michel Bourdoncle nicht ausbremsen konnte. Allenfalls das erste, schon fast kandenzartig hervorgehobene reine Solo mit seinen Gegenbewegungen und harmonischen Reibungen wirkte rhythmisch etwas instabil. Auch im zweiten Satz, dem Adagio, das Brahms als eine Art Porträt Clara Schumanns gedeutet wissen wollte, hoben Solist und Orchester diese Widerhaken eher hervor, als sie im Sinne eines lyrische-melodischen Grundcharakters zu glätten.
Auch im Finale, auf dessen Rondoform mit ihren Refrains und den verspielteren Couplet-Intermezzi auch der Begriff der „entwickelten Variation“ ganz gut passt, gingen dem Solisten Kraft und Energie nicht aus. Seine herausragende Fingerfertigkeit zeigte er nach dem begeisterten Beifall dann auch in seinem Encore, einer geradezu rasenden Etüde von Heitor Villa-Lobos.
Der zweite Teil des Konzerts bestand eigentlich gewissenmaßen nur aus Zugaben. Darin ging es um eine dritte wichtige Komponente hochromantischer Konzertmusik des 19. Jahrhunderts neben der fortentwickelten klassischen Form und dem Virtuosen: um das volkstümlich Tänzerische. Der Franzose Georges Bizet (1838 bis 1875) hat es in der spanisch-andalusischen Variante nicht nur in seine Oper „Carmen“ eingebracht, sondern auch in deren Orchester-Suite, die auch in den Konzertsälen Europas Furore machte. Kraftvoll intonierten das die Prager, wieder kontraststark und mit markanten rhythmischen Akzenten.
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