Die Studentenphilharmonie führte im Tübinger Uni-Festsaal beide Klavierkonzerte mit zwei Solisten auf – und mehr noch
TÜBINGEN. Anders als die Nachbarstadt Reutlingen verfügt Tübingen zwar über keine professionelle Philharmonie, dafür aber über zahlreiche Liebhaber- und semiprofessionelle Orchester. Derzeit dürften es neun sein. Zwei davon sind offiziell an der Universität angesiedelt: das akademische Orchester der Universität, geleitet von UMD Philipp Amelung, sowie die Studentenphilharmonie Tübingen, gegründet 1967. Sie umfasst derzeit etwa 50 Instrumentalisten und steht unter der Leitung von Symeon Ioannidis, einem vielseitig aktiven, aus Griechenland gebürtigen Dirigenten.
Für ihr Sommerkonzert 2026 am gestrigen Donnerstagabend im halbvollen Festsaal der Neuen Aula hat sich die Studentenphilharmonie gleich zwei Schwergewichte des Repertoires vorgenommen, die derselben Gattung angehören und vom gleichen Komponisten stammen: die beiden Klavierkonzerte von Johannes Brahms, entstanden in einer früheren (Nr. 1 bis 1854) und einer späteren Phase (Nr. 2 um 1880), hier aufgeführt in umgekehrter Reihenfolge. Beide sind sinfonisch dicht durchkomponiert und mit 50 respektive 45 Minuten recht lang. Vermutlich ist kein anderes Orchester je auf die Idee gekommen, diese beiden Werke in ein Konzert zu packen, zumal der schwarze Flügel den ganzen Abend das Geschehen auf der Bühne verdeckt.
Immerhin werden sie – abweichend von der angekündigten Werkfolge – durch die Konzertpause und zwei weitere Stücke getrennt. Als Ouvertüre dient das Intermezzo aus der Oper „L’Amico Fritz“ (1891) des Verismo-Begründers Pietro Mascagni. Zwar gibt es auch eine Ouvertüre zu dieser Oper, doch das Intermezzo, das sich hörbar an das populäre ältere Schwesterwerk aus „Cavalleria rusticana“ anlehnt, ist deutlich effektvoller. Auch in den Händen der Studentenphilharmonie und unter dem klaren Dirigat von Symeon Ioannidis entfaltet es seine Wirkung, die Streicher widmen sich ihm mit glühendem Pathos und großer Geste.
Auch dem nun folgenden 2. Klavierkonzert B-Dur op. 83 von Johannes Brahms wird viel begeisterte Sorgfalt zuteil. Den Solopart übernimmt der türkische Pianist Emre Elivar, der schon mehrfach bei der Studentenphilharmonie zu Gast war. Seine souveräne Virtuosität verbindet sich mit dem zwar im Tutti allzu kompakt klingenden, doch insgesamt diszipliniert assistierenden Orchester im Kopfsatz zu einem imposanten Klangdrama und beweist im kammermusikalisch angelegten langsamen Satz verinnerlichte Klangkultur.
Mit dem Finalsatz befreit sich offenbar nicht nur Brahms, sondern auch der Klangkörper vor Ort von der Schwere des Vergangenen. Leicht und beschwingt, locker und spielfreudig endet dieses zweite Klavierkonzert, gefolgt von einer Bach’schen Solo-Dreingabe.
Zwischen die Brahms-Konzerte zu später Stunde auch noch eine Uraufführung zu platzieren, zeugt von Mut, zumal über diese Komposition „Two Portraits“ des griechischen Gitarristen und Komponisten Dimitris Svintridis (der anwesend war) keine Informationen zu bekommen waren. Die beiden Portraits gehen ineinander über, sind tonal grundiert und unterschiedlich skizziert: das erste in Holzbläser-Linien, schattiert durch die Streicher, das zweite in synkopierten, an griechische Folklore erinnernden Rhythmen; am Ende beschließen Flöte und Rhythmus-Motiv den farbig instrumentierten, sorgfältig umgesetzten Kreis.
Nach 22 Uhr begann Brahms‘ 1. Klavierkonzert d-Moll op. 15, das zwar in der Chronologie und mit seiner schicksalhaften Schwere besser in die erste Hälfte gepasst hätte, aber durch einen bemerkenswerten Solisten bereichert wurde. Der junge Koreaner Tai-Wei Huang hat zwar erst diesen Juni sein Konzertexamen in Karlsruhe abgelegt, überzeugte aber mit einer erstaunlichen künstlerischen Reife und so sensibel wie differenziert eingesetzter, glasklarer Technik. Da machte sich bisweilen ein gewisser Abstand bemerkbar zwischen dem assistierenden Liebhaberorchester und diesem Solisten, der seine Virtuosität in den Dienst von Brahms und dessen Aussage stellte. Sein künstlerischer Gestaltungswille lebte sich in die Musik ein, dachte und fühlte mit, ohne zu übertreiben, so dass man sich als Zuhörer hineingezogen fühlte nicht nur in eine facettenreiche Erzählung, sondern auch in eine neue Welt.
Tai-Wei Huang erntete zu Recht Bravorufe und lang anhaltenden Applaus und bedankte sich gegen 23 Uhr mit einer Dreingabe, die sein exzellentes Können solistisch ins rechte Licht rückte.
Eine weitere Aufführung des Programms ist bzw. war für den heutigen Freitag, 10. Juli, in der Leonhardskirche Stuttgart vorgesehen.
