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Encore! – Alles zu Gebote

Im Saal der Tübinger Westspitze stellten Andreas Grau und Ingo Sadewasser die Saxophon-Sonate von Erwin Schulhoff vor – Achim Stricker moderierte

TÜBINGEN. Erwin Schulhoff war wohl ein Genie in seiner unfassbaren musikalischen Vielfalt und Perfektion. „Ihm stand alles zu Gebote“, sagte Moderator Achim Stricker durchaus ehrfürchtig. Die Encore!-Reihe fand am gestrigen Freitagabend ihre Fortsetzung im ausverkauften Saal der Tübinger Westspitze. Pianist und Initiator Andreas Grau und der Tübinger Musikschul-Leiter Ingo Sadewasser stellten – im Rahmen der Jazz&Klassik-Tage – die 1930 im Berliner Funkhaus uraufgeführte „Hot-Sonate für Altsaxophon und Klavier“ vor. Doppelt, wie üblich, vor und nach der Analyse: ein Stück Jazz, ein Stück Avantgarde, ein Stück klassische Moderne.

Die Akteure einer ebenso aufschlussreichen wie unterhaltsamen Musikstunde. Foto: Martin Bernklau

Dass Erwin Schulhoff Jude war, hätte man nicht schamhaft verschweigen müssen. Anno 1894 zu Prag in eine wohlhabende und hochkultivierte jüdische Fabrikantenfamilie hineingeboren, durchflog er förmlich – als Siebenjähriger schon von Antonin Dvořák besten Lehrern anempfohlen – seine umfassende musikalische Ausbildung. Noch bevor er mit dem österreichischen k&k-Heer in den Ersten Weltkrieg ziehen musste und Verwundungen davontrug, war er als Pianist und als Komponist ein mit hohen Preisen ausgezeichneter Jungstar zwischen Wien, Prag, Leipzig, Köln und Berlin. Als Jude, aber auch als Kommunist und frischer sowjetischer Staatsbürger am Tag nach Hitlers Überfall auf die Sowjetunion verhaftet, ging er am 18. August 1942 im bayerischen Lager Wülzburg wohl an Lungentuberkulose zugrunde.

Das großartige Werk seines kurzen Lebens umfasst alle Genres von Kammermusik über Sinfonien bis zur Oper und praktisch alle klassischen Instrumente. Früh setzte er sich neben seinem Faible für Debussy und Strawinsky für die Avantgarde der Schönberg, Berg und Webern ein (sogar für die Vierteltonmusik eines Alois Hábas) und dann natürlich auch für den Jazz, der seinerzeit noch aus den Richtungen Blues und Ragtime bestand. Mit vielen Literaten, Künstlern wie George Grosz und der fundamental rebellischen Dada-Bewegung pflegte er enge Kontakte. Bis zur Besetzung der Tschechoslowakei konnte er sich noch vor den Nazis verbergen und ihrem Zugriff entziehen.

Moderator Achim Stricker stellte auch zwei Gemälde vor (links und hinter dem Steinway-Flügel), die Nicole Loos ausdrücklich zu Erwin Schulhoffs Hot-Sonate geschaffen hat. Fotos: Martin Bernklau

Die „Hot-Sonate für Altsaxophon und Klavier“ ist, wie ihr Schöpfer, mindestens eine Art Zwitter, ein „Chamäleon“, wie Achim Stricker das beschrieb: klassisch in der Form, avantgardistisch im Ton und jazzig in Rhythmus und Harmonie. Ein komplexes und hochvirtuoses Paradestück für klassische Saxophonisten, aber eben auch für Jazzer. Man kann das auch geschmeidig „lean back“ musizieren, wie Andreas Grau und Ingo Sadewasser das im analysierenden Mittelteil eindrucksvoll vorführten. Aber eigentlich ist da kein Platz für Improvisation. Jede Note ist exakt festgelegt, auch das Tempo. Die klassischen vier Sonatensätze haben keine Vortragsbezeichnung, sondern präzise Vorschriften wie „Halbe = 132“ für das Finale.

Feste Themen oder Motive im klassischen Sinn gibt es nicht, sondern nur eine stetige Weiterentwicklung von bestimmten Strukturen und Elementen, seien es Intervalle, feste Orientierungstöne (wie das D im ersten Satz) oder bevorzugt gegenläufig ausgearbeitete Kantilenen, scharf kontrastierende oder sich überlagernde Rhythmen – schwer zu spielen! – auch raffiniert verschobene Harmonien. Trotz aller harten Dissonanzen wirkt Schulhoffs kunstvoller Jazz doch zugänglich.Trotz allen rhythmischen Drives ist kein freier, improvisatorischer Swing gefragt, sondern viel eher coole Konstruktivität.

Neben der Musik konnte auch die Tübinger und Rübgartener Künstlerin Nicole Loos ihre Arbeiten vorstellen. Foto: Martin Bernklau

Fulminant war schon der erste Durchgang. Den zweiten empfand man als noch besser. Das wird aber vielleicht einfach daran liegen, dass all dieses Wissen aus dem Analyseteil die Ohren und den Geist öffnet für diese großartige Musik und dazu auch die Bewunderung für die herausragende Darbietung zu steigern vermag. Im Charakter ganz ähnlich in der Mischung aus – hier spontaner – Ausdruckskraft und konstruktiver Berechnung waren die beiden farbstarken Großformate, die Nicole Loos gewissermaßen als Illustration der Tonkunst vor dem Da capo vorstellen durfte. Auch sie bekam viel Beifall von mehr als nur geneigten Zuhörern.

Die Encore!-Reihe hat sich offenbar inzwischen ein treues Stammpublikum erworben, fast eine klang- und kunstsinnige Fangemeinde.

Pianist Andreas Grau und der Saxophon-Virtuose Ingo Sadewasser konnten sich über begeisterten Beifall freuen. Foto: Martin Bernklau
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