Martin Künstners Philharmonia Chor und das Ärzteorchester gaben mit Mendelssohns Oratorium das traditionelle Neujahrskonzert in der Tübinger Stiftskirche
TÜBINGEN. Seit Martin Künstner 2022 zusätzlich zu seinen bisherigen Liebhaberchören und Ensembles das Tübinger Ärzteorchester übernommen hat, bringt er mit ihm und „seinem“ Philharmonia Chor Reutlingen zu Neujahr in der Tübinger Stiftskirche groß besetzte Meisterwerke zur Aufführung, verstärkt durch bewährte Solisten.
Diesmal ist es das Oratorium „Elias“ von Felix Mendelssohn Bartholdy, das (zehn Jahre nach dem „Paulus“) 1846 unter Leitung des Komponisten in Birmingham uraufgeführt wurde. Den Plan dazu hatte er schon 1837; „seinen“ Propheten beschreibt er als „stark, eifrig, auch wohl bös zornig und finster“, umgeben von „recht dicken, starken, vollen Chören“, die bei den damaligen Singvereinen gut ankamen. Auch am Neujahrstag 2026 ist der Andrang groß.
Inhaltlich geht es um einen Religionskonflikt in mehreren Episoden, den Elias im festen Glauben und mit Jahwes Hilfe für diesen entscheidet. Dramatische Szenen (vorwiegend im ersten Teil) wechseln mit visionären und andächtigen Chören im zweiten, gefolgt von einem prophetischen Ausblick.
Brauchen wir handfeste Gottesbeweise im Glaubenskampf? Nein: wir lieben diesen „Elias“ für seine Musik. Der Romantiker Mendelssohn hat ein reichhaltiges, schlüssiges und zeitlos schönes Meisterwerk daraus gemacht.
Martin Künstner und der Philharmonia Chor Reutlingen sind seit Langem mit der Partitur vertraut; gemeinsam mit dem Ärzteorchester begeistern sie sich spürbar für dieses dramatische Glaubenswerk. Allerdings ist es für die Zuhörer nur teilweise nachvollziehbar, weil die Kirchenakustik besonders die Tutti-Abschnitte mit Pauken und Trompeten in eine kompakte Klangmasse verwandelt. Auch angesichts der beengten Verhältnisse für die Mitwirkenden schließt man sich gern dem Ruf nach einem Konzertsaal für Tübingen an.
Die vier Solisten erweisen sich als recht unterschiedlich: Christine Reber bereichert mit ihrem sicher geführten, strahlenden Sopran wie stets die ganze Aufführung, Marcus Elsässer erinnert mit heller, prägnanter Stimme an seine Auftritte als Evangelist, und Klaus Mertens als renommierter Exponent der Alten Musik gestaltet den Part des Elias mit bisweilen etwas gekünsteltem, distinguiertem Feinsinn.
Kurzfristig eingesprungen ist Julia Werner, eine junge Konzert- und Opernsängerin, die an der Stuttgarter Musikhochschule studiert hat und nun dankenswerterweise die Alt-Soli des „Elias“ übernimmt. Mit Christine Reber und einer Choristin verbindet sie sich harmonisch zu den berühmten Engelschören, die Mendelssohn in reinem a-cappella-Klang vom dunkel grundierten Gesamtbild abheben lässt.
Auch hier bilden sie die Höhepunkte des Abends: „Denn er hat seinen Engeln befohlen über dir“ und „Hebe deine Augen auf“ bezaubern mit geradezu überirdischer Reinheit und Harmonie. Einen ähnlichen, so klangschönen wie verinnerlichten Glanzpunkt bildet das Solisten-Quartett „Wohlan alle, die ihr durstig seid“ kurz vor dem triumphalen Schlusschor.
Foto: Susanne Eckstein
Insgesamt gebührt sämtlichen Mitwirkenden, allen voran Martin Künstner, hohe Anerkennung für den Kraftakt, dieses große, über zweistündige Werk sicher zu erarbeiten und gemeinsam lebendig werden zu lassen. Dafür bedankt sich das Publikum am Ende mit anhaltendem Jubel.
Wer das Oratorium „Elias“ in dieser Besetzung ein zweites Mal miterleben will, sei auf eine zweite Aufführung hingewiesen: Sie findet am 6. Januar um 18 Uhr in der Marienkirche Reutlingen statt.
