Die Politkomödie „Doping“ von Nora Abdel-Maksoud hatte am Samstagabend in der LTT-Werkstatt ihre Premiere
TÜBINGEN. „Doping“ ist eine ziemlich surrealistische Satire, die doch provozierend nah an der politischen Realität und an gesellschaftlicher Wirklichkeit bleibt. Malena Große hat die Komödie von Nora Abdel-Maksoud fürs Tübinger LTT inszeniert. Dass sie sich „gegen eine gender- & alterstypische Besetzung“ entschieden hat, macht die Sache etwas anstrengend für die Schauspieler und die Zuschauer. Trotzdem wurde viel gelacht am Samstagabend bei der ausverkauften Premiere in der Werkstatt.
Der Ort des Geschehens wird schnell umrissen: ein „vom Wohlfahrtsstaat bereinigtes Alcatraz für Topverdiener“. Sylt also, die Insel der unseligen Superreichen, der Schieber und Spekulanten, ein vorm Pöbel geschütztes Gefängnis. Dort ist Lütje Wesel (Andreas Guglielmetti), der Marathon-Mann und Kämpfer für den Erhalt einer bröckelnden „Panoramastrecke“, als Spitzenkandidat für eine liberale oder libertäre, jedenfalls super-kapitalistisch neoliberale Partei auserkoren. Doch der Frontmann nässt sich bei einer Kundgebung ein. Gerade noch kann der als Redner impotente Strippenzieher und Schatzmeister der Partei, Ole Hagenfels-Jefsen-Bohn (Niklas Marian Müller), verhindern, dass die Bilder im Fernsehen ausgestrahlt werden.
Der heimliche Parteichef hat eine Tochter namens Jagoda Hagenfels-Jefsen-Bohn (Gilbert Mieroph), die als Vize die Stellung im Vorstand hält und schwanger ist. Man versucht Abhilfe zu schaffen für das Leiden des Lütje Wesel, den Graffiti schon bald als „inkontinent und inkompetent“ schmähen. Es gibt da eine Privatklinik, in der ein alter Kumpel und früherer Chefarzt, der glatzköpfige Dr. Bob (Insa Jebens), betuchten Kunden mit einem besonderen Angebot das dicke Geld aus den Taschen zieht. Er verfügt über eine Pflegerin, Robi Tissi Graf als Gesine mit angeklebtem Kinnbart, die bei Steiff in Giengen an der Brenz wie ein Obelix nach der Sturzgeburt in die Teddy-Produktionsstraße geraten ist und nun die Wehwehchen und Krankheiten der Klientel sozusagen auf sich nehmen, ihnen per Körperkontakt abnehmen kann. Wie und warum auch immer.
Das Setting wird immer surrealer und absurder, das Namedropping nicht. Als Klinik dient ein ausrangiertes U-Boot, das dann in See stechen muss und – die Kundschaft gefesselt – zurückkehrt, um einen sagenhaften Schatz an der Sylter Steilküste zu heben, in dem der Spin-Doktor Ole irgendwelche hinterzogenen oder mit Klingelton-Startups erwirtschaftete Millionensummen gehortet hat.
Der Text geht ganz an die Grenze, nicht nur mit Steiff: Da gibt es eine Strack-Zimmermann und eine Leutheusser-Schnarrenberger, die sich „eine Niere gekauft“ hat. Die liberale Partei wird als „FDPimmel“ beim Namen genannt. Jagoda juxt von einer „Quoten-Fotze für die Fotzen-Quote“. Ob das noch Humor ist oder schon frauenverachtend, das darf jeder selbst entscheiden. Fein ist es nicht. Man muss diese teils verrohte, obszön durchsexualisierte Sprache weder witzig noch gut noch frei finden. Aber sie findet Lacher.
Und Satire darf alles. Sie ist nicht nur durch Tucholskys Diktum, sondern auch durch die Kunstfreiheit verfassungsrechtlich geschützt. Die Frage bleibt allerdings, wie bei der vorsätzlichen Verwirrung bei Alter und Geschlecht: Wozu das Ganze, mit welchem künstlerischen Sinn und Zweck? Die Zielrichtung des Stücks ist klar. Es geht gegen wirtschaftsliberalen Wahn, der (mit Susan Sontag) selbst Krankheit nur noch als Ausfluss ökonomischer Funktion versteht und vergisst, wer denn nun eigentlich die notwendige Pflege und Fürsorge für welchen Lohn leisten soll. Frauen natürlich. Aber diese Verknüpfung mit dem hanebüchenen Sylter Plot vom Turbokapitalismus bleibt etwas fragil.
Katharina Oleksinska hat die Inszenierung sehr ästhetisch und funktional ausgestattet. Auch die Effekte in Licht und Ton und die Songs (Musik: Hans Könneke) haben hohe Klasse. Klar aber, dass die Figuren nur Typen sind, nicht Charaktere. Insofern sieht das alles nach satirischem Kabarett auf höherem schauspielerischen Niveau aus, das alle Mimen gleichermaßen zu bedienen wussten, am eindrücklichsten vielleicht Gilbert Mieroph, dessen Transrolle der vulgären und schwangeren Jagoda die schwieruigste war. Aber auch Robi Tissi Graf als Gesine, die ihre Spritze zeitweis wie ein Sturmgewehr über der Schulterbtrug, schlug sich sehr gut.
Ein paar Besucher waren zwischendurch leise gegangen. Beim langen Schlussapplaus der vielen Begeisterten blieben einige Zuschauer eher verhalten, vielleicht verständnislos. So darf Satire sein: kontrovers und lebendig.