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„Cannstatter Klavierfrühling“ – Zwei Große

Der polnische Pianist Szymon Nehring eröffnete am Sonntag im Kursaal den „Cannstatter Klavierfrühling“ mit aufregenden Deutungen von Beethoven und Chopin

BAD CANNSTATT. Zum Auftakt der dritten Ausgabe seines „Cannstatter Klavierfrühlings“ begrüßte Festivalleiter Robert Neumann am Sonntag im Großen Kursaal seinen polnischen Pianistenkollegen Szymon Nehring. Dem 30-Jährigen geht der Ruf voraus, weit über seine Heimat hinaus als einer der begabtesten und interessantesten Klavierkünstler seiner Generation zu gelten. Er hat aber auch mit großen Dirigenten und Orchestern auf den Podien der weltweit bedeutendsten Konzerthäuser gespielt und wichtige Preise gewonnen, so – schon vor neun Jahren – den Arthur-Rubinstein-Wettbewerb in Tel Aviv. Beim Warschauer Chopin-Wettbewerb war der in Krakau geborene, in Bydgoszcz und an der Yale School of Music ausgebildete Musiker schon mit 18 Jahren Finalist.

Ein scheuer junger Star: Szymon Nehring eröffnet den „Cannstatter Klavierfrühling“. Foto: Martin Bernklau

Eine enge Zusammenarbeit verband Szymon Nehring mit seinem Landsmann, dem Komponisten Krzysztof Penderecki. An diesem frühen Frühlingsabend aber spielte er zwei Klassiker des Klaviers: den polnischen Nationalkomponisten Chopin und Beethoven. Ludwig van Beethoven, so erzählte Robert Neumann in seiner Einführung, war etwas älter als 30 Jahre, stand in Wien schon auf der Höhe seines Ruhms, als er im „Heiligenstädter Testament“ die Tragödie seines Lebens offenbaren musste: die beginnende Taubheit. Die drei Klaviersonaten opus 31 markieren diese Zäsur und gelten als Beginn der „mittleren Periode“. Vielleicht hing die Bevorzugung höchster und tiefster Lagen mit dem allmählichen Verlust des Gehörs zusammen.

Die Sonate 31/2 in d-Moll trägt (nach einem Hinweis Beethovens auf Shakespeare) den Beinamen „Der Sturm“ und beginnt mit der schlichten, eigentlich tempolosen Brechung eines A-Dur-Akkords vom Arpeggio zum aufsteigenden Dreitonmotiv, gefolgt von einer hektisch abfallenden Achtelfigur. Man kann sich heutzutage kaum noch vorstellen, wie revolutionär diese Einleitung anno 1803 geklungen haben muss. Und das ließ Szymon Nehring nachempfinden, dehnte und straffte die Gegensätze zu einem ganz gestischen Drama. Musikalische Rhetorik zwischen Verdichtung und Einbremsen, auch klanglich. Pedal setzte er – wie vorgegeben – sogar bei einstimmigen Melodien ein und holte aus dem kompakten Flügel des Tübinger Klavierbauers Josia Rexze leisen Windhauch ebenso heraus wie sinfonische Sturmgewalt.

Ausnahmepianist Robert Neumann begrüßt als Festivalleiter das Publikum zum Auftaktkonzert des „Cannstatter Klavierfrühlings“ Foto: Martin Bernklau

Auch im geduldig ausgekosten Adagio oder im dichten Fluss des Finalsatzes wurde Szymon Nehrings Anschlag nie zu einem lieblich weichen Perlen, sondern behielt jene klare Kontur, mit der er auch das wühlende Aufbegehren bis ins Detail plastisch zu modellieren verstand. Bei aller agogischen Flexibilität betonte Nehring den Rhythmus, als gebe ein dramatisch variables Programm einen Beat vor. Er hob Stimmen hervor, die sonst eher nebenher laufen, schärfte Dissonanzen noch ein wenig an und setzte die Abschnitte deutlich voneinander ab, fast bis zum Fragmentieren. Und doch blieb das Stück eine Einheit von Gegensätzen. Wie Beginn der Sonate aus dem Nichts kam, so verebbte ihr Schluss im Nichts.

Auch in den vier Sätzen der Sonate Es-Dur, der dritten dieser Trias, entdeckte der Pianist neue Linien, arbeitete die Kontraste heraus, gestaltete Einwürfe als Überraschungen, zeigte die Reibungen, betonte in den messerscharfen Läufen bei grandioser Fingerfertigkeit eher die vorwärtsdrängende Kraft als eine glitzernde Kette und bürstete das musikalische Geschehen doch deutlich gegen manch gewohnten Strich. Beim Scherzo waren ihm die Struktur und ein durchaus humoresker Unterton wichtiger als das inzwischen zum guten Ton gewordene Gestalten Beethovenschen Ingrimms. Das Menuett hielt Szymon Nehring freilich eher nüchtern als grazioso, wie es vorgegeben ist. In das con fuoco des Finalsatzes kamen als Kontraste zum Furor eine gewisse Melodiebetonung und feierlicher Gesang herein.

Szymon Nehring spielte Beethoven eben nicht wie einen Chopin. Aber auch den Stücken des polnischen Nationalkomponisten und französischen Klaviergottes gab er eine etwas andere persönliche Note, die eher Gegensätze und markante Konturen, auch sinfonische Fülle herausarbeitete, als – bei aller Brillanz – in sanft perlendem Wohlklang zu schwelgen. Zartes sollte nicht verzärtelt klingen. Auch bei Frédéric Chopins Fantasie f- Moll sorgte das rechte und das mittlere Pedale wieder für einen Nachhall, der hohe Dome ebenso zu füllen schien wie er in zarten Pianissimi einem Verschwinden in der Ferne nachlauschte. Mit langen Pausen zeigte der Pianist die Architektur auf. Wuchtige Attacken setzten Ausrufezeichen bis zum Erschrecken.

Das Scherzo b-Moll hatte bei Szymon Nehring einen eher steil auftrumpenden als übermütig verspielten Charakter, fast ein wenig beethovensch. Auch die scharfen Spitzentöne fielen auf. Wieder war die Deutung an den starken Gegensätzen orientiert, an den Bruchstellen bis hin zur Fragmentierung. „Dekonstruktion“ ist der moderne Begriff dafür.

Seine „vier tollsten Kinder“ nannte Robert Schumann, der glühendste deutsche Verehrer Chopins, die Sätze der Klaviersonate b-Moll op. 35, entstanden übrigens etwa im selben Lebensalter wie Beethovens zuvor gehörte Sonaten. Auch hier die Mittlere von Dreien. Das Eigenartige, Seltsame, vielleicht sogar Befremdliche – und durchweg doch eher Düstere – an jedem dieser Einzelkinder versuchte Szymon Nehring auch hier zu betonen, freizulegen, herauszuschälen. Der knappe Grave-Vorspann könnte vom obigen Largo-Muster Beethovens inspiriert sein.

In diesem Kopfsatz beschleunigt sich Bewegung und kommt beinahe zum Stillstand; wachsen Klangkathedralen ins Erhabene, um oft abrupt einzustürzen; werden Stürme losgelassen, die dann sachten Brisen bis fast zur Windstille weichen. Nervös, wie getrieben das Scherzo mit der Atempause des Trios, dessen Thema am Ende wieder erscheint, von Nehring in geisterhaftem Pianissimo abgetupft. Dem schweren Schritt des Trauermarschs, als „Marche funèbre“ berühmtes Zentrum und die Keimzelle der Sonate, ist der Gesang des Mittelteils nicht nur als entspannte Ergänzung, sondern als schroffer Gegensatz beigesellt. Das schien der Pianist klar herausarbeiten zu wollen. Wobei er wieder alles Süßliche mied: eher nach Schwanengesang sollte es vielleicht klingen.

Der verstörend kurze vierte Satz, trotz dem knappen Schluss-Applomb kein Finale, sondern ein vorbeihuschendes Presto-Gewusel in einstimmigen Triolen, bekam unter den Händen von Szymon Nehring doch ein paar Akzente und vor allem eine Verdichtung, die mehr als eine Beschleunigung des inneren Tempos denn wie ein wirkliches Accelerando schien. Fahl und gespenstisch, fast gruselig in der Wirkung, machte sie frieren: Gänsehaut.

Den begeisterten Beifall im fast voll besetzten Kursaal schien der bescheidene junge Virtuose, wie zuvor schon, eher kurz halten zu wollen. Szymon Nehring bedankte sich mit einer Mazurka seines Landsmanns Karol Szymanowski, der um die Wende zum 20. Jahrhundert die Gruppe „Junges Polen“ prägte.

Info: Der „Cannstatter Klavierfrühling“ wird bis zum 17. Mai jeweils sonntags um 17 Uhr mit den international renommierten jungen Pianisten Julius Asal, Jonathan Fournel, Kenny Broberg und Shiori Kawahara im Großen Kursaal fortgesetzt. Am Freitag, 8. Mai, gibt es um 19 Uhr in der Seniorenresidenz Augustinum am Killesberg das Zwischenspiel der „Young Stars“ Arya Su Gülenç, Xini He, Vincent Heeren und Linda Yuan, wobei erstmals ein Förderpreis der Stuttgarter Volksbank vergeben wird.

Titelfoto: Agentur

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