Zum Beginn der Bebenhäuser Sommerkonzerte feierte am Samstag das Concerto Tübingen mit dem Violinsolisten Anton Tkacz im Sommerrefektorium sein 50-er-Jubiläum nach
BEBENHAUSEN. Bis zum 25. Juli locken wieder die Sommerkonzerte ins idyllisch gelegene Kloster Bebenhausen. Das Kulturreferat der Universität veranstaltet dort gemeinsam mit der Tübinger Museumsgesellschaft klassische Konzerte in stimmungsvollem Rahmen. Auch diesmal war der Saal, das sakral anmutende Sommerrefektorium, beinahe ausverkauft. Die Anwesenden genossen das Mittsommerlicht, das durch die farbigen Kirchenfenster das Podium beleuchtete.
Dieses hatte nun ein „hiesiges“ Ensemble inne: das Concerto Tübingen, seit 1975 in der Region und darüber hinaus bewährt als Begleitorchester für Chöre und Oratorien, angeführt durch die Geigerin Annette Schäfer als Konzertmeisterin. In der Regel haben sie und ihre fallweise durch Bläser ergänzten Streicher sich dem jeweiligen Dirigenten oder Chorleiter unterzuordnen. Hier nun traten sie ohne Dirigenten auf.
Ihr Programm verknüpfte Veracini mit Mozart: nur ein halbes Jahrhundert auseinander, liegen doch Welten zwischen der Ouvertüre Nr. 6 von Francesco Maria Veracini (1690 bis 1768) und Mozarts ersten Meisterwerken aus der Zeit um 1775. Veracini bediente noch die höfische Welt des Barock, seine sechs Ouvertüren sind dem Kurprinzen Friedrich August von Dresden gewidmet; Wolfgang Amadeus Mozart als Miterfinder der „Wiener Klassik“ wagte die ersten Schritte hin zum freiberuflichen Komponisten.
Veracinis Ouvertüre Nr. 6 könnte auch als Konzert für zwei Oboen und Orchester durchgehen. Die beiden ungenannten Oboistinnen des Concerto Tübingen duettierten und konzertierten aufs Schönste mit dem Orchester, die schnellen Triolenketten brillierten, biegsame Kantabilität zeichnete den langsamen Satz aus. Hier vermisste man allerdings die glitzernde Basis des barocken Basso continuo: Zwar sind diese Stücke für die übliche Besetzung mit Cembalo gedacht, doch dieses wurde hier weggelassen, der Continuo-Bass allein von den tiefen Streichern ausgeführt.
Am Ende sah man sich einer unerwarteten Wendung gegenüber: Der Finalsatz, mit „Menuetto“ überschrieben, wurde eben nicht in weiche höfische Anmut gebettet, sondern geradezu gehärtet in klarem Unisono und markanten Konturen. Ein Blick in die Zukunft?
Mit Anton Tkacz brachte Annette Schäfer einen vielversprechenden jungen Solisten mit aufs Podium. Gebürtig aus Heidelberg, hat dieser unter anderem an der Stuttgarter Musikhochschule bei Kolja Lessing studiert und 2024 seinen Master mit Auszeichnung absolviert. Derzeit bereitet er sich dort bei Friederike Starkloff aufs Konzertexamen vor und wird ab August einen Posten im Sinfonieorchester Basel antreten.
Man hört gleich, dass Anton Tkacz dem romantischen Ideal folgt: Er widmet sich mit schlankem Ton und sicherer Technik vor allem den vielfältigen Nuancen und Ausdruckswerten, die man aus Noten und Saiten herauskitzeln kann. Dass kleinere Unsauberkeiten in der hohen Lage lediglich dem Lampenfieber geschuldet sind, merkt man daran, dass er die Parallelstelle danach perfekt meistert. Die Solokadenzen gestaltet er als detailreich sprechende Monologe, das Orchester begleitet sein so wendiges wie abwechslungsreiches Spiel sicher und einfühlsam und, im alla-turca-Abschnitt, als temperamentvolles „türkisches“ Schlagwerk.
Dem jubelnden Publikum schenkt er als spezielle Solo-Dreingabe die „Recuerdos de la Alhambra“ von Francisco Tárrega – ein berühmtes Gitarrenstück. Das Dauer-Tremolieren und die Mehrstimmigkeit sind eine extreme technische Herausforderung für den Geiger, die Anton Tkacz zwar mit den zwangsläufigen kleinen Verzögerungen, doch insgesamt sicher bewältigt.
Nach der Pause geht es weiter mit Mozart. Seine Sinfonie Nr. 29 A-Dur (KV 201) stammt in etwa aus derselben Zeit wie das zuvor gehörte Violinkonzert, gilt als eine der ersten eigenständigen Sinfonien des damals 19-Jährigen und heute als bekanntes Repertoirestück. Um es kurz zu machen: die Aufführung erfüllte vollauf die Erwartungen, es wurde so präzise wie lebhaft musiziert. Allerdings machte sich das Fehlen eines Dirigenten insofern bemerkbar, als die Interpretation sehr im Rahmen des Üblichen blieb. Als Begleitorchester hat sich das Concerto Tübingen gestalterisch traditionell zurückzuhalten, und man mag es ihm nicht verdenken, dass es auch hier dieser Vorgabe folgte. Doch das Feuerwerk der „Mannheimer Raketen“ im Finalsatz zündete so präzise und spritzig, dass sie das anhaltend applaudierende Publikum gern ein weiteres Mal als Zugabe genoss.
