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7. Sinfoniekonzert – Eine Heldin

Die Württembergische Philharmonie musizierte in der Reutlinger Stadthalle Schubert, Beethoven und die deutsche Erstaufführung des Flötenkonzerts von Elżbieta Sikora

REUTLINGEN. Bei diesem wie stets sehr gut besuchten 7. Sinfoniekonzert der Württembergischen Philharmonie Reutlingen am gestrigen Montagabend traf wieder einmal aufeinander, was nicht zusammengehört: Klassische und atonale Musik. Schubert und Beethoven rahmten ein neu komponiertes Werk von Elżbieta Sikora.

Doch es gab innere Querverbindungen: in allen drei Teilen des Programms ging es um Heldengeschichten. Franz Schuberts Ouvertüre zur Oper „Fierabras“ verweist auf die Rittergeschichte des Librettos, das wiederum auf der Sage von Eginhard und Emma beruht, worin die tapfere Emma den Ritter Eginhard durch den Schnee trägt, um ihn zu retten. Obwohl Schubert und sein Librettist 1823 dieses wichtige Element und sowieso alles Anstößige vermieden hatten, um den Text durch die Zensur zu bringen, wurde die Oper damals nicht angenommen – der Intendant nahm dann doch lieber den zugkräftigeren Rossini. Während die Ouvertüre bald in einer Klavierfassung herausgebracht wurde, verschwand die Oper in der Versenkung.

Nur wenige Häuser versuchten sich an einer Wiederbelebung des „Fierabras“, darunter das Theater Bern im Jahr 2019 – auf die Initiative des Schweizer Dirigenten Mario Venzago hin, der an diesem Abend mit kundiger Hand das Orchester der WPR und diese unbekannte Schubert-Ouvertüre dirigiert. Als Kenner des Werks betont er mit den Musikern die romantische Atmosphäre und die dramatischen Momente: Wie aus dem Nichts ersteht ein flirrendes Tremolando, steigert sich und verlischt; Hörner und Posaunen intonieren den Choral „O teures Vaterland“. Man fühlt sich fast wie im „Freischütz“, den Schubert zu jener Zeit kennengelernt hat. Nun werden Brüche offengelegt, Verläufe geschärft – Betulichkeit hat keine Chance.

In eine völlig andere musikalische Welt ging es mit der zweiten Nummer des Programms, dem Flötenkonzert von Elżbieta Sikora, einer zeitgenössischen polnischen Komponistin, die mit im Saal war und am Ende auf die Bühne geholt wurde. Ihr Held ist eine Heldin: Sie hat das neu komponierte Konzert (übrigens ein Auftragswerk der WPR und weiterer Orchester) der belarussischen Oppositionellen Maryia Kalesnikawa gewidmet, es geht um das Ringen um Freiheit.

Die australische Flötensolistin Ana de la Vega. Fotos: Susanne Eckstein

Auch die Solistin kann man als Heldin sehen: Die Australierin Ana de la Vega musste sich die Laufbahn als Flötistin hart erkämpfen. Ebenmaß, Reinheit und der schlanke Glanz ihres Tons verweisen auf intensive Ausbildung in Frankreich, und dank ihrer exzellenten Technik meistert sie das schwierige atonale Konzert in brillanter Weise. Dass sie sich dabei zwischen den gleichmäßig koordinierenden Dirigenten und das Orchester postiert, mag am diffizilen Zusammenspiel liegen.

Das Stück selbst erweist sich in der äußeren dreisätzigen Form als „klassisch“, die Binnenstrukturen jedoch sind avanciert, atonal unter Verwendung von Aleatorik, dabei ohne neuere spieltechnische Effekte wie Mikrointervalle oder Atemgeräusche. Das Ende des ersten und des zweiten Satzes markiert ein abrupt abbrechendes Crescendo.

Dirigent und Solistin wurden gefeiert. Danach holten sie noch Komponistin Elżbieta Sikora in ihre Mitte (siehe das Titelbild). Foto Susanne Eckstein

Wer mit dem sprunghaften, vor allem durch das Beben von Flatterzunge und Tremoli belebten Wechselspiel zwischen Soloflöte und Orchester wenig anfangen kann, mag die in der Werkeinführung vorgegebenen Bilder eines gefangenen Vogels heranziehen, der verzweifelt die Freiheit sucht. Ana de la Vega jedenfalls erhält zu Recht viel Applaus und bedankt sich mit dem „Idyll“ aus Benjamin Godards Suite op. 116, das sich mit spätromantischer Eleganz ins Ohr schmeichelt.

Ganz anders als mit der Schubert-Ouvertüre gehen Venzago und das Orchester nach der Pause mit der Sinfonie Nr. 3, der „Eroica“ von Ludwig van Beethoven um. Hier wird nicht analysiert und strukturiert, sondern schwungvoll geglättet. Dabei könnte man in der Gestaltung durchaus herausstellen, warum Beethovens Zeitgenossen anno 1804 irritiert waren.

Vielleicht gab es für die Ablehnung damals auch politische Gründe? Immerhin hatte Beethoven die Dritte bekanntermaßen zuerst dem Feind Napoleon als seinem „Helden“ gewidmet, eine Zeitlang wollte er sogar nach Frankreich umziehen. Ob er nach dessen eigenmächtiger Kaiserkrönung die Titelseite der „Eroica“ wirklich zerrissen hat, wissen wir nicht, jedenfalls hat auf der Abschrift jemand den Widmungsnamen (wohl „Bonaparte“) so heftig ausradiert, dass das Papier an dieser Stelle ein Loch hat.

Dirigent Mario Venzago und das Orchester nehmen ausgiebigen Beifall und Jubel entgegen. Foto: Susanne Eckstein

Nun bekommen die Reutlinger Zeitgenossen von 2026 die „Eroica“ nicht als revolutionäre Provokation, sondern als Fest der Spielfreude zu hören. Sowohl der Dirigent wie auch das Orchester kennen das Werk wohl in- und auswendig, und man gewinnt den Eindruck, als träfen sich die Beteiligten zu einer hocherfreulichen Jam-Session nach Noten. Mario Venzago braucht eigentlich gar nicht zu dirigieren, er setzt nur gestische Akzente und wird zum sichtbar beglückten Partner des impulsiv aufspielenden Orchesters, und alle Seiten freuen sich an der großartigen, siegesfreudigen Musik – das Publikum eingeschlossen, das sich am Ende mit Jubel und lang anhaltendem Applaus bedankt.

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